Griechenland: Rückkehr zur kirchlichen Normalität

Doch Debatte um Kommunionempfang versteift sich

 

Von Heinz Gstrein

Athen. Der Ständige Heilige Synod der Orthodoxen Kirche von Griechenland, ihr 12 köpfiges Exekutivorgan an der Seite des Athener Erzbischofs, hat am 30. April auf einer Sondersitzung die Vorschläge der griechischen Regierung für schrittweise Öffnung der Kirchen und Zulassung öffentlicher Sakralhandlungen im Zug des Abflauens der Corona-Seuche akzeptiert. Dieser Einigung waren besonders zu den ostkirchlichen Osterfeiertagen um den 19. April heftige Auseinandersetzungen vorausgegangen. Dabei hatten einige Bischöfe und noch mehr Pfarrgeistliche die am 16. März von Regierungschef Kyriakos Mitsotakis verfügte Schließung aller gottesdienstlichen Gebäude und Räumlichkeiten missachtet und waren mit der Polizei in Konflikt geraten. Worauf die kirchliche Wochenzeitung  „Wahrheit“ (O. Alitheia) am 29. April mit dem ganzseitigen Titel „Orthodoxenverfolgung!“ aufmachte. Andere kritisierten lautstark die Maßnahmen und das Vorgehen der Obrigkeit. So der angesehene Metropolit Hierotheos Vlachos von Navpaktos (Lepanto). Er protestierte gegen die Gleichbehandlung von Friseurläden und Kirchen, Folklore-Umzügen und Auferstehungsprozessionen. Dabei berief er sich auf den deutschen Soziologen Max Weber und seine Sicht der Religion in Übereinstimmung, aber auch Differenz mit den anderen Ordnungsmächten wie vor allem dem Staat.

Öl ins Feuer der erregten Debatte goss die Genehmigung eines mobilen Straßenkonzerts der durch ihre Zusammenarbeit mit Goran Bregovic bekannten Sängerin Alkistis Protopsaltis in Athen. Von einem weißen LkW aus sollten sie und ihre Band den in ihre Wohnungen gesperrten Menschen an den Fenstern, auf Balkonen und den flachen griechischen Hausdächern Freude und Frohmut schenken. Stattdessen wurde das Konzert-Auto jedoch von Menschenschwärmen umgeben und begleitet. Das empörte die gläubigen Orthodoxen, denen die üblichen Karfreitags- und Osternacht-Prozessionen verboten worden waren.

Erzbischof Crysostomos Liapis wandte sich in einem persönlichen Schreiben an den Ministerpräsidenten und wies ihn auf die unhaltbar gewordene Lage hin. Kyriakos Mitsotakis antwortete darauf am 28. April mit einer Fernsehansprache, in der er die Öffnung der Kirchen für privates Gebet ab dem 4. und die ersten öffentlichen Gottesdienste ab Sonntag 17. Mai ankündigte. Einzelheiten, wie die traditionelle Ikonenverehrung durch Abküssen, sollten noch mit den kirchlichen und gesundheitsdienstlichen Stellen abgeklärt werden.

Sofort zeichnete sich auch innerhalb der orthodoxen Kirche breite Zustimmung ab. Nur einer der „Widerständler gegen die Polizeigewalt“, Metropolit Nektarios Dovas von Korfu – auch ein Gegner der Ökumene und des Ökumenischen Patriarchen, äußerte sich ablehnend und verlangte die Einberufung der Vollversammlung aller Bischöfe Griechenlands (Hierarchia) zur Bewältigung des kirchlichen Notstandes.

Diese Forderung wurde vom Ständigen Synod zurückgewiesen, der sich auch allein für zuständig erklärte. Er wird am 12. Mai wieder zusammentreten, um Einzelfragen wie das Tragen von Gesichtsmasken beim Gottesdienst oder den nötigen Abstand zwischen den Kirchgängern zu beschließen. Das Recht der Gläubigen auf den Empfang der hl. Eucharistie sei jedoch aus kirchlicher Sicht „unaufgebbar“!

Der Heilige Synod würdigte auch den besonderen Beitrag der griechischen Bildungs- und Kultusministerin Niki Kerameos zur Berücksichtigung der Rolle der orthodoxen Kirche bei Bewältigung der Corona-Krise. Dennoch war gerade diese dann die erste, die nicht mit Kritik an der kirchlichen Erklärung vom 30. April zurückhielt, dass es zum über jeden Krankheitsmakel erhabenen Charakter der Eucharistie keine weitere Diskussion geben dürfe. Sicher bleibe die Entscheidung der Frage, ob die eucharistischen Gaben als Leib und Blut von Jesus Christus Krankheiten übertragen können oder nicht, den Theologen überlassen. Hingegen sei aber erwiesen, dass das Corona-Virus durch menschlichen Speichel überragen werden kann. Mit diesem komme es aber zu einer Vermischung, zumindest bei der üblichen orthodoxen Spendung der hl. Kommunion mit einem Löffel aus einem Kelch von Wein und Brot. Die Ministerin betonte auch, dass die schrittweise Rückkehr zur religiösen Normalität nicht auf die Orthodoxen allein zugeschnitten sein dürfe: „Es ist immer nur von der Orthodoxie die Rede. Wir haben aber auch andere Konfessionen und Religionen. Ihnen allen muss die gegenwärtige Übergangslösung gerecht werden!“, schloss Niki Kerameos ihre Stellungnahme in der Sendung „Heute“ des Privat-Senders Skai.

Die Diskussion über Corona und Eucharistie dürfte jetzt noch mehr in den Vordergrund treten, nachdem sich der einflussreiche Athos-Abt Ephraim Koutsou von Vatopedi für eine vorbehaltlose Freigabe des Kommunizierens stark gemacht hat: „Hände weg von der hl. Kommunion!“, verkündete der persönliche Freund mehrerer orthodoxer Patriarchen und des britischen Thronfolgers Prinz Charles im griechischen Open TV: „Die Eucharistie wirkt niemals ansteckend, sie ist ein Heilmittel der Unsterblichkeit“ Darüber hinaus stellte Abt Ephraim den Sinn aller Vorbeugungsmaßnahmen gegen Ansteckung mit dem Virus bei Gottesdiensten und Sakramentenspendungen in Frage: „In Georgien gab es zu Ostern überhaupt keine Einschränkungen des religiösen Lebens – trotzdem sind dort bisher nur acht Corona-Tote zu beklagen!“

 

Photo: Dimitris Papamitsos

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