Es wird nicht bei Kasachstan bleiben

Photo: Kazakh President Press Service Handout/EPA

 

Volksausbeutung durch die Postkommunisten ist unerträglich

 

Von Heinz Gstrein

In Kasachstan hat der brutale Befehl von Machthaber Kassym-Schomart Tokajew, „blind in die Massen zu schießen“, zum Abflauen der Unruhen in ihrer zweiten Woche geführt. Vor allem in der alten und weiter heimlichen Hauptstadt Almaty trifft die Behauptung des Regimes und seiner russischen Verbündeten von einer „weitgehend“ beruhigten Lage zu. Die besteht aber darin, dass sich die Straßen von Demonstranten geleert, doch dafür die Gefängnisse mit ihnen gefüllt haben. Die noch immer nicht überschaubare Zahl der Opfer an Toten und Verletzten verwandelt jedoch die spontane Wut der Bevölkerung über explodierende Teuerung für die Armen und ausufernde Korruptionsgewinne in der herrschenden Schicht in feste Entschlossenheit, bis zum Sturz der Diktatur weiterzukämpfen.

Kasachstan wird damit zum dritten Unruheherd Zentralasiens nach Afghanistan und Chinas Sinkiang. Bisher war die zweitgrößte der einstigen Sowjetrepubliken nach Russland ein stabilerer Boden als ihre Nachbarstaaten im ehemaligen Russisch-Turkestan. Nur 2011 hatten ein Aufstand der Ölarbeiter von Schangaösen und seine blutige Niederschlagung regional die heute gesamtkasachische Volkserhebung vorprogrammiert. Auch die Motive der Unrast waren damals dieselben wie heute: Obwohl das Feld von Ösen landesweit 70% des Erdöls lieferte, musste seine Belegschaft unter gefährlichsten, veralteten Arbeitsbedingungen schuften und mit Hungerlöhnen vegetieren, während sich die Petro-Oligarchen mit Kasachstans Ölprinzessin Darigha Nasarbajewa, einer Präsidententochter, an der Spitze krumm verdienten.

Langzeitdiktator Nursultan Nasarbajew sicherte diesem postkommunistischen Ausbeutungssystem die Stabilität von 1990 bis 2019. Auch nach seinem Rücktritt als Präsident blieb er Vorsitzender der Einheitspartei „Nur Otan“ (Lichtvolles Vaterland) und gab die eigentliche Macht als Chef des Sicherheitsrates erst zu diesem Jahreswechsel auf. Sofort zeigte sich, dass sein Nachfolger Tokajew der autoritären und sozialrepressiven Führung Kasachstans nicht mehr gewachsen ist. Der Ideologe des kasachischen Widerstandes, Muchtar Ablyazov hält ihn für unfähiger, doch auch bösartiger wie Nasarbajew, dem er eine gewisse „Gemütlichkeit“ bescheinigt. Tokajew habe hingegen mit seiner überzogenen Reaktion auf die Proteste diese erst zum Überkochen gebracht.

Die volkstumsnahe Türkei spielt in Kasachstan heute eine wichtige Rolle.  Sie war schon mit ihrer Einführung der lateinischen anstelle der arabischen Schrift von 1928 ein Vorbild, dem Almaty gleich im folgenden Jahr gefolgt ist. Nach der Wende trat Kasachstan dem „Türkischen Rat“ und der Kulturgemeinschaft TÜRKSOY bei, hat Yasi, die alte Residenz der Kasachen-Chane zur „spirituellen Hauptstadt der türkischen Welt“ erklärt. Obwohl der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan als Islamist in Kasachstan die „Muslim-Massen“ unterstützte, schlägt er sich im heutigen Konflikt als einziger außerhalb des Moskauer Einflussbereiches auf die Seite der Führungsclique und ihrer Handhabung der kasachischen Wirtschaft wie eines eigenen Familienbetriebes. Zu groß ist die Ähnlichkeit seines eigenen Gewinnschöpfungssystems im türkischen Finanz-, Bau- und Rüstungswesen mit der jetzt von den Kasachen in Frage gestellten Korruption. Erdogan fürchtet, dass ein Umsturz bei den „volkstürkischen Brüdern“ in Kasachstan auf die Türkei ausgreifen könnte.