„Kunst muss kommunizieren wollen.“

Ein Interview mit dem Schriftsteller und Theatermacher Aristoteles Chaitidis

Foto: Christina Mavini

 

Aristoteles Chaitidis, Jahrgang 1981, wurde in München geboren, wo er seine frühe Kindheit verbrachte. Als die Familie 1988 nach Thessaloniki, Nordgriechenland, übersiedelte, besuchte er dort die Deutsche Schule. 2001 folgte dem Abitur das Studium der Neueren Deutschen Literaturwissenschaften, Neogräzistik und Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, das er 2007 abschloss. Mit Hauptsitz in Berlin, wo er sich mit künstlerischen Projekten im Bereich Text, Dramaturgie, Übersetzung, Lesung und Schauspiel beschäftigte, pendelt er in den letzten Jahren zwischen Deutschland, Österreich und Griechenland. Stücke von ihm wurden u.a. in Wien, Hamburg, Athen aufgeführt. Ein Kurzfilm (Sternenkind) nach seinem Drehbuch lief auf zahlreichen Festivals weltweit.

 

Homepage: https://aristoteles-chaitidis.jimdo.com/

 

Das Marie-Fragment (Theatermonolog)

Eine alte Frau erzählt in loser Abfolge von ihrem Leben. Zentraler Punkt: der Verlust ihres einzigen Kindes, eine Tochter, das vermutlich an Komplikationen einer Essstörung verstarb. Im Laufe des Monologes bekommen wir außerdem bruchstückweise und in Erinnerungsfragmenten Einblick in die wichtigsten Beziehungen, jene zu ihrer eigenen Mutter und ihrem Ehemann, Bernd. Ein Stück über Erinnerung und Trauma.

Uraufgeführt: Mai 2016, Wien. Griechische Uraufführung: Mai 2018, Thessaloniki.

 

Interview-Fragen Marie-Fragment

 

-Schreibst du auf Deutsch oder auf Griechisch? Wie entstehen die verschiedenen Fassungen?

Der Text ist so wie die meisten meiner Texte zuerst auf Deutsch entstanden. Im Anschluss habe ich mich selbst an die Übersetzung ins Griechische gemacht. Nach der ersten Fassung auf Griechisch habe ich dann mehrere Leute zu Rate gezogen. Griechisch ist zwar meine zweite Muttersprache (ich habe beides zugleich erlernt, da wir zuhause bilingual aufgewachsen sind), aber Deutsch war immer die dominantere. Insofern brauchte ich für viele Textstellen „Rückendeckung“. Das liegt vor allem daran, dass die Figur der Mutter im Marie-Fragment einen sehr individuell-idiomatischen Sprachausdruck verwendet. Dafür galt es auf Griechisch Entsprechungen zu finden. Nur so konnte gewährleistet werden, dass die Figur in ihrer Tiefenstruktur erhalten bleibt.

 

-Wie wirkt sich die Zweisprachigkeit auf deine Texte aus? In welcher Sprache fühlst du dich stilistisch “sicherer”?

Sicherlich ist Deutsch meine „starke“ Sprache. Das heißt aber nicht, dass mein Zugang zu der Sprache ausschließlich auf einer Spur verläuft. Im Untergrund meiner deutschen Texte findet sich immer ein griechisches Echo. Genauso umgekehrt. Die Arbeit am Marie-Fragment in beiden Sprachen mit unterschiedlichen Schauspielerinnen, unterschiedlichen Inszenierungen und jeweils unterschiedlichen Schwerpunkten, die sich daraus ergaben, war deshalb besonders spannend für mich. Der Monolog bringt eine Reihe von Eigenarten mit sich. Während er sprachlich an der Oberfläche unauffällig erscheinen mag, wird bei der Arbeit an der Rolle sehr schnell klar, dass die Oberfläche trügt. Um aus dem Text eine reale Person erstehen zu lassen, muss man ihr individuelles Idiom zuerst entschlüsseln. Wie kommt sie vom einen Gedanken zum nächsten? Warum verlaufen sich manche Formulierungen, wo verhakt sich ihr Redefluss und warum, wie kommt es zu den kleinen Eigentümlichkeiten ihrer Rede? Eigentümlichkeiten, die man übrigens sehr schnell zu überlesen Gefahr läuft, gerade weil die Sprache einer Alltagssprache nachempfunden ist. Ich vergleiche die Textart gerne mit einer Komposition. Man muss schon genau hinschauen, die Notation ernst nehmen, um die Musik in ihrem vollen Ausmaß erklingen zu lassen. Das ist Kleinst- und Feinarbeit, die schließlich vom Text direkt zu Körperhaltung, Intonation, Rhythmus und Tempo führt. Es ist erst bei dieser Auseinandersetzung, dass ich das griechische Echo, das ich weiter oben erwähnte, vernehmen kann. Es ist eine Art Musikalität, ein Konstruktionsprinzip in der Rede der Figur, die ich mir allein aus dem Deutschen nicht erklären kann. Und das alles in der scheinbar sehr alltäglichen Sprache einer gewöhnlichen Frau. Um diese Feinheiten ging es in der Übertragung ins Griechische. Um diese Feinheiten dann auch bei der konkreten Rollengestaltung.

 

-Wie begegnest du als Regisseur dem eigenen Text? Welche Rolle spielt die jeweilige Interpretin?

Als Regisseur ist die Arbeit an einem Monologstück nur als Zusammenspiel mit der Schauspielerin denkbar. Dabei begegne ich dem Text neu, als etwas Unbekanntem. Alles andere würde mich gar nicht interessieren. Der Umstand, dass Eri Bakali, die Schauspielerin der griechischen Version, selber zwei Kinder hat, aber auch ihr Verständnis für die Mutterrolle haben meine Sichtweise auf das Stück dergestalt verändert, dass ich der Figur Raum geben konnte, etwas Neues zu werden. Aleksandra Ćorović, die Schauspielerin der Uraufführung hat gänzlich andere emotionale Schwerpunkte gefunden. Andere Akzente gesetzt. Eine gänzlich andere Energie und Wucht auf die Bühne gebracht und das gleich in zwei völlig verschiedenen Inszenierungen und Rollenkonzepten. Der Text gibt so viele Möglichkeiten, diese Frau sprechen zu lassen, man kann im Grunde bei jedem Satz eine Entscheidung treffen, die die Figur entweder in die eine oder eben in die komplett entgegengesetzte Richtung gehen lässt. Diese Entscheidungen gemeinsam mit der Schauspielerin zu treffen, war unglaublich bereichernd für mich. In meinem eigenen Kopf, in meiner Innenwelt habe ich ja die Bilder fertig. Aber in der Kunst muss es immer auch ein Darüber-hinaus-Weisen geben, über den eigenen Tellerrand, aus dem eigenen Kopf heraus. Kunst muss kommunizieren wollen. Zwingend.

-Wie kamst du dazu, einen Frauen-Monolog zu schreiben?

Die einfach Antwort darauf ist: ich finde Frauenfiguren interessanter als Männerfiguren. Man kann das jetzt alles biographisch und psychoanalytisch auseinander nehmen aber daran habe ich persönlich kein Interesse. Vielleicht nur so viel: Dinge, die uns fremd sind, haben die wundersame Eigenschaft uns noch viel treuer zu widerspiegeln als vermeintlich wesensgleiche. Der Prozess der Empathie, den ich beim Schreiben durchlebe, ist ähnlich umfassend wie ein In-Liebe-Geraten. Mit allen Höhen und Tiefen, die dazugehören. Ich könnte über einen Mann meines Alters einfach nicht schreiben. Mir fiele da gar nichts zu ein.

 

-Wie geht es weiter mit dem Projekt?

Nach den deutschen Aufführungen in Wien und Hamburg gab es im Mai 2018 die erste griechische Version in Thessaloniki. Das war für mich ein Testlauf, um das Stück vor einem griechischen Publikum erst einmal auszuprobieren. Anschließend kamen Vorstellungen in Athen im Oktober hinzu, wo wir die Erfahrung der ersten Aufführungen vertiefen und die künstlerische Absicht präzisieren konnten, aber auch in Darmstadt im Jahr darauf. Im Januar 2019 sind wir einer Einladung der LMU nach München gefolgt, wo wir den Text in einer zweisprachigen Lesung darbieten konnten. Das ist nicht das erste Mal, dass der Monologtext einem akademischen Publikum präsentiert wird. Hier stehen die Übersetzbarkeit von Emotionen und Aspekte der Zweisprachigkeit im Vordergrund. Was mich in beiden Kulturkreisen besonders gefreut hat, war das große Bedürfnis sowohl des deutschen als auch des griechischen Publikums nach den Vorstellungen zu diskutieren. Daher bieten wir nach der Aufführung meist ein Publikumsgespräch an. Zukünftig schwebt mir noch etwas anderes vor: Ich würde die griechische und die deutsche Variante gerne in einer zweisprachigen Version kombinieren. Mich fasziniert das Nebeneinander der Sprachsysteme, die einerseits so unterschiedlich sind und dennoch Querverweise herstellen, die einen verwundern können. Natürlich hat das alles auch etwas mit meiner, sagen wir, hybriden Identität zu tun. Ich erfahre eine Menge über mich selbst, wenn ich meine Texte plötzlich auf Griechisch höre. Aus demselben Grund habe ich auch meine Anti_gone, die 2017 in Wien Premiere hatte, ins Griechische übersetzen lassen. Mein griechisches Stück Anadyomene von 2019 hingegen habe ich noch nicht ins Deutsche übertragen. Wer weiß, was dort für Überraschungen aufwarten.

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