Erinnerungen eines Unbeugsamen. Widerstand in Griechenland und Stein

 

Von Heinz Gstrein

75 Jahre sind ein dreifaches, würdiges Jubiläum, zu dem angebracht ist, das Massaker vom 6. April 1945 am Gefängnis von Stein bei Krems an der Donau, bei dem 150 griechische Häftlinge ums Leben kamen, vor dem Vergessen zu bewahren. Dass das auch in Corona-Zeiten möglich wurde, ist das einmalige Verdienst des österreichischen Philhellenen und aufrechten Freundes der griechischen Demokratie Robert Streibel, Direktors der Wiener Volkshochschule Hietzing. Er hat in Tagen, wo kaum noch Bücher erscheinen, Finanzierung, Übersetzerin und Verlag für eine deutsche Ausgabe der Erinnerungen von Nikos Mavrakis auf die Beine gestellt: „Widerstand in Griechenland und Stein“, das einmalige Zeugnis eines Unbeugsamen.

 

Sein Weg führt von Kreta nach Athen, wo er als junger Privatangestellter die Gewerkschaft der Privatangestellten gegen das autoritäre Regime von Ioannis Metaxas organisiert. Der Zweite Weltkrieg führt Mavrakis erst an die albanische Front, dann ins von der Wehrmacht besetzte, von SS und Gestapo unterdrückte Athen. Als Nikos mit seiner Frau Sophia an der Bank von Griechenland am 28. Oktober 1943 eine Kundgebung organisiert, werden sie verhaftet, gefoltert und zu zehn Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Die hatten sie „im Reich“ abzubüßen, das Arbeitskräfte für die Rüstung brauchte. Der Transport führte zunächst nach Wien, wo Mavrakis stolz darauf war, im gleichen Kerker wie einst der griechische Freiheitsheld Rigas Feraios zu schmachten. Dann kamen die Haft in Stein, der blutige 6. April 1945, den er als nur Verwundeter in einem Haufen Leichen überlebte.

 

 

Daheim wusste ihm dann das Nachkriegsgriechenland keinen Dank, stufte ihn als Linken ein. Mavrakis kam auf die berüchtigte „Umerziehungsinsel“ Makronissos. Auch nach seiner Entlassung und Wiedereinstellung bei der „Bank von Griechenland“ bekam er die Feindseligkeit der „nationalgesinnten“ Landsleute zu spüren. Erst die „Allagi“ von 1981 bescherte ihm und seiner Frau ein Alter ohne Anfeindung.

Die Erinnerungen von Nikos Makrakis füllen eine ergreifende Lücke in der griechisch-deutschen Zeitgeschichte, den oralen und mikrohistorischen Zeugnissen dazu. Was von Antonis Sanoudakis im Ton festgehalten und aufgezeichnet, von Nina Bungarten stilgetreu übersetzt wurde, ist nicht der Bericht eines politischen oder militärischen Hauptakteurs, sondern eines einfachen Bankbeamten und Reserveoffiziers, der für ein freies und demokratisches Griechenland unter ausländischen Feinden und Besatzern, aber auch eigenen Unterdrückern zu kämpfen und zu leiden hatte. Darüber hinaus belegen sie aus seiner Kindheit im damals noch halbautonomen Kreta die Praxis des Verkaufs eigener Kinder und der Gewalt an den Inseltürken, von denen 33 000 Überlebende erst 1923 in die Türkei „umgesiedelt“ wurden. Außerdem enthält das Buch genauere Angaben über die Teilnahme griechischer Freiwilliger aus Rumänien am Krieg in Albanien 1940/41. Bisher war davon nur das Schicksal eines Ioannis Sourmelis aus Bukarest bekannt. Er war nach dem Eingreifen der Deutschen in „die Berge“ gegangen, im Bürgerkrieg gefangen und verurteilt, dann von Königin Friederike begnadigt und zu seinen Verwandten nach Istanbul entlassen worden.

Die deutschsprachige Veröffentlichung der „Steiner Erinnerungen“ von Nikos Makrakis füllt auch eine andere Lücke. Der Bericht seines dortigen Leidensgenossen, des späteren Metropoliten von Trikkala, Dionysios Charalampous, in dem griechischen Buch „Martyres“ sollte zwar schon im Herbst 1965 auch auf Deutsch erscheinen, nachdem bereits Teile davon in der Illustrierten „Der Feuerreiter“ unter dem Titel „Der Bischof und die Henker“ abgedruckt waren.

Doch kam es ganz anders: Im letzten Teil der Serie war von der Endstation der Steiner Überlebenden in einer Baracke im bayrischen Bernau die Rede, wo sie ein feister Nazi-Bonze „mit funkelndem Hakenkreuz auf der Brust“ drangsalierte. Bald darauf schmetterte die deutsche Post ein Schreiben auf den Redaktionstisch des „Feuerreiter“ in Nürnberg. Darin hiess es: „Um es kurz zu machen, der Mann mit dem Hakenkreuz bin ich!“. Der inzwischen hochrangige Polizeibeamte der Bundesrepublik drohte dem Magazin und dem verantwortlichen „Lügenjournalisten – d.h. meiner Wenigkeit – Konsequenzen an. Zunächst wollte sich der Verlag in der Sache an die Luwigsburger Zentralstelle zur Aufklärung von nationalsozialistischen Verbrechen wenden. Man sah jedoch bald davon ab, sobald sich herausstellte, wie hoch der Leserbriefschreiber in der bundesrepublikanischen Hierarchie verankert war. Damals waren mehr als zwei Drittel der leitenden Mitarbeiter des Bundeskriminalamtes ehemalige Mitglieder der SS. So hatte der Beschwerdeführer in seinem Schreiben, das mehrmals auf die SS Bezug nahm, diese immer mit der Siegrune als geschrieben, wofür er noch eine ehemalige NS-Schreibmaschine verwendet haben musste. Jedenfalls wagte sich der Johann-Michael-Sailer-Verlag auch nicht mehr an die Buchveröffentlichung. Als ich wenig später um die damals für Österreicher noch nötige Aufenthaltserlaubnis in der Bundesrepublik für mich und meine Familie einkam, wurde uns diese von der Ausländerpolizei Mittelfranken verweigert. Wir retteten uns vor weiteren Schikanen nach Griechenland – die „Martyres“ warten bis heute auf ihr Erscheinen als deutsches Buch, obwohl fast alles im „Feuerreiter“ übersetzt vorliegt.

Ebenso mit Spannung erwarten nun die Leserinnen und Leser der bisherigen Publikationen von Robert Streibel den angekündigten zweiten Band von „Die Griechen und Stein“ mit Erinnerungen von weiteren Häftlingen aus Griechenland.

 

Antonis Sanoudakis, WIDERSTAND in Griechenland und Stein. Die Geschichte des Nikos Mavrakis. Kommentiert und herausgegeben von Robert Streibel. Weitra (Verlag Bibliothek der Provinz) 2020, 190 Seiten, gebunden Euro 20,00.

  

Foto: Rhea Sourmeli

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