Putsch-Vorwürfe gegen Patriarch Bartholomaios I

Steht in Türkei Enteignungswelle von Christen und Juden bevor?

 

Caricature: © Markus Szyszkowitz

Von Heinz Gstrein

Istanbul/Athen/New York. In der Türkei sind nach wie vor jene Anklagen nicht zurückgenommen, die ein von Präsident Recep Tayyip Erdogan gelenktes Magazin in seiner Mai-Nummer gegen den Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I., den türkischen Oberrabbiner Ishak Haleva und andere religiöse Persönlichkeiten als angebliche Hintermänner eines im Juli 2016 gescheiterten Militärputsches erhoben hac.

Das anhaltende Schweigen der türkischen Führung zu diesen Vorwürfen beklagt jetzt nach der Monatsmitte der dem Patriarchat nahestehende Blogspot „Phos Phanariou“ (Licht des Phanars) unter dem Titel „Daneben getroffen!“. Publiziert auf 176 (!) Seiten von „Gercek Hayat“ (Wahres Leben), bei dem es sich um eine Beilage der islamistischen Tageszeitung „Yeni Safak“ (Neue Morgenröte) handelt, könnten solche Unterstellungen nicht ohne Zustimmung, wenn nicht gar im Auftrag des türkischen Staatschefs erfolgt sein. Der gesamte dahinter stehende Medien- und Firmenkonzern Albayrak sei erwiesenermaßen an dessen Weisungen gebunden.

Erdogan bereite – so fürchten am Bosporus die wirtschaftlich starken nicht-muslimischen Minderheiten – in der ausufernden Finanzkrise der Türkei massive Enteignungen von Armeniern, Juden und orthodoxen Griechen mit dem Vorwurf mangelnder Staatstreue vor. Derartige „Abschöpfungen“ wurden in der Türkei in den letzten Jahrzehnten schon mehrmals vorgenommen.

Über eine Beteiligung am angeblichen Staatsstreich der Anhänger von Erdogans Gegenspieler hinaus, dem islamischen Modernisten Fethullah Gülen, betreffen die Enthüllungen von „Gercek Hayat“ auch ein weiter zurückliegendes Nahverhältnis zu dessen Bewegung. Für sie hat Ankara die Sprachregelung „Fetö-Terroristen“ (Fethullahçı Terör Örgütü) eingeführt. Als Mitverschwörer der frühen Stunde scheint sogar Papst Johannes Paul II. am Titelbild des Magazins auf. Er hatte Gülen 1998 in Privataudienz „Hand in Hand“ empfangen. Wegen Vorbereitung dieses Treffens im Vatikan wird jetzt als „Fetö-Verschwörer“ in Istanbul auch der 2012 verstorbene Msgr. George Marovich genannt.

Das Ökumenische Patriarchat, das Oberrabbinat der Türkei, aber auch die Armenisch-Apostolische Kirche haben sofort allen diesen Behauptungen widersprochen. Aus ihren Reihen war als Gülenist Patriarch Schnorck I. Kalustjan angeklagt worden, obwohl er lang vorher, schon 1961 bis 1990, im Amt war. Sein Überleben beim Massenmord von 1915 hatte er nur seiner geheimchristlichen Jugend als Kind einer zwangsverheirateten und -islamisierten armenischen Genozidwitwe zu verdanken.

Befürchtungen, dass die Anschuldigungen in der türkischen Regimepresse zu Ausschreitungen gegen Christen und Juden führen werden, haben sich sofort in Istanbuls Stadtteil Bakirköy bewahrheitet. Dort erfolgte gleich Anfang Mai ein Bombenanschlag auf die armenische Pfarrkirche. Sie stammt aus dem Jahr 1844 und ist sowohl Weihnachten wie Maria Himmelfahrt geweiht.

Inzwischen stoßen die türkischen Vorwürfe gegen führende Persönlichkeiten der religiösen Minderheiten am Bosporus fast vier Jahre nach ihrer angeblichen Verwicklung in den Pusch vom 16. Juli 2016 auch international aus Befremden. In Athen bezeichnete Regierungssprecher Stelios Petsas die Verdächtigung des Ökumenischen Patriarchen als „ungebührlich“. Er wolle sich nicht in die inneren Angelegenheiten der Türkei einmischen. Die unerhörten Anschuldigungen gegen Bartholomaios I. dürften jedoch nicht ohne Widerspruch hingenommen werden. Aus den USA meldete sich der St.-Andreas-Orden aus bedeutenden griechisch-amerikanischen Persönlichkeiten zu Wort und verurteilte die türkische Propaganda gegen den Phanar. Angesichts der Abhängigkeit Ankaras von den USA kann es diesen Kritik nicht auf die leichte Schulter nehmen.

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