Kirchengipfel Ammann sorgte für Überraschung

 Kollektive Führung der Orthodoxen statt Konstantinopler Primat

 

Von Heinz Gstrein

Amman. Die “Versammlung (sobranie) von Vorstehern und Delegationen orthodoxer Ortskirchen”, wie sich die Begegnung einiger Vertreter der Orthodoxie vom 26. Februar in der jordanischen Hauptstadt abschließend nannte, hatte auf den ersten Blick weder eine überzeugende Beteiligung aufzuweisen noch überwältigende Ergebnisse gebracht. Der Versuch Moskaus, unter der Ägide des Patriarchen Theophilos III. von Jerusalem möglichst viele und gewichtige Gegner des Konstantinopler Vorrangs in der orthodoxen Kirchenfamilie zu versammeln, war – für diesmal – zum Scheitern verurteilt. Allerdings wurde damit der Prozess zur Etablierung einer “kollektiven Führung” der Orthodoxie eingeleitet. Die Russische Orthodoxe Kirche wird in Zukunft alles daran setzen, das zu Lasten des Ökumenischen Patriarchats zu verstärken.

Bartholomaios I. ist eine Antwort darauf bisher schuldig geblieben. Er lässt sich im Phanar von Istanbul unter dem Motto “Primat der Ehre – Primat der Gnade” zu seinem 80. Geburtstag mit Gottesdiensten und Festkonzerten, Lobgedichten und Glückwunschschreiben aus Kiew feiern. Was über Amman zu sagen ist, glaubt der Jubilar wohl schon in seinem Schreiben bemerkt zu haben, das er am Vorabend dieser Zusammenkunft an den Jerusalemer Patriarchen gerichtet hat. Er bezeichnet diese darin als “kirchengeschichtlich nie dagewesen und kirchenrechtlich unbegründbar”. Bartholomaios könne nicht verstehen, wie Theophilos entgangen sei, dass es sich beim einzigen Ziel dieser Veranstaltung um “den Umsturz des trefflichen Gefüges der orthodoxen Kirche und die Verfälschung ihrer ekklesiologischen Fundamente” handle. So hatte der Ökumenische Patriarch schon im voraus durchschaut, dass es bei dem anfänglich als “Synaxis” aller orthodoxen Obersthirten angestrebten, doch dann zur “Brüderlichen Begegnung” einer Minderzahl herabgestuften Kirchengipfel von Amman weniger um die ukrainische Autokephalie als darum gehen werde, die gesamte traditionelle Kirchenordnung der Orthodoxie auf den Kopf zu stellen.

Der Jerusalemer Patriarch ließ sich aber auch im letzten Moment nicht von seiner November 2019 bezeichnenderweise in Moskau vorgestellten Initiative abbringen. Er versammelte am 25. und 26. Februar im Ammaner Fairmont Hotel von den insgesamt 15 orthodoxen Kirchenoberhäuptern noch die zwei Patriarchen von Moskau und Belgrad sowie den autokephalen Metropoliten der Slowakei samt zwei weniger ranghohen Delegierten aus Bukarest und Warschau. Dazu gesellte sich noch der russentreue Metropolit von Kiew, Onufrij Berezovskij, der als “de facto”-autokephal vorgestellt wurde.

Das ergab bei den vom ukrainischen Bischof Viktor Kotsaba geschossenen Eröffnungsfotos eine breite erste Sitzreihe, die r.n.l. beim rumänischen Ökumeniker Metropolit Nifon Mihaita begann und mit der massigen Gestalt des polnischen Erzbischofs Abel Poplawski von Lublin geschlossen wurde. Damit sollte der Eindruck synodaler Fülle erzielt werden. Ebenso wurden in den späteren Ammaner Texten Kirchenführer und -delegationen gleichrangig zusammengezählt, sodass das Eindruck entstand, immerhin seien an dieser Verschwörung gegen Konstantinopel sechs der 15 orthodoxen Kirchenführungen beteiligt gewesen.

Die Beratungen im säkulären Ambiente eines Nobelhotels fanden hinter verschlossenen Türen statt, worauf dann noch am selben Tag durch das Patriarchat Jerusalem ein gemeinsames Kommunique veröffentlicht wurde. Es war in durchaus versöhnlichem Ton gehalten und rief zur Behandlung der Jurisdiktionskonflikte in der Ukraine, Nord-Mazedonien und Montenegro auf einem weiteren, dann möglichst allorthodoxen Treffen vor Ende dieses Jahres auf. Patriarch Bartholomaios betreffend wurde der Wunsch nach seiner Teilnahme ausgesprochen – doch keine Rede von dem ihm als Ehrenprimas, Koordinator und Sprecher der gesamten Orthodoxie gebührenden Vorsitz.

Damit nicht genug beeilte sich das Kirchliche Außenamt des Moskauer Patriarchats kurz vor Mitternacht, seine eigene Version des “Treffens (vstrece) von Amman” ausführlichst vorzulegen. Es habe sich um eine “informelle brüderliche Begegnung” gehandelt, wie Theophilos III. von Jerusalem eingangs festhielt. Darauf ging Patriarch Kyrill von Moskau auf die Gefahren ein, die der Einheit der orthodoxen Kirche akut in der einstigen Sowjetunion und im ehemaligen Jugoslawien drohen, wobei er auch den katholischen Prosyletismus nicht zu erwähnen vergaß, da “das Uniatentum aufs Neue sein Haupt erhebt.”

Dann wandte sich Kyrill einer regelrechten Abrechnung mit dem Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. zu, gegen den er eine ganze Liste von Vorwürfen auftischte: Er übe seinen Ehrenprimat in Richtung einer allorthodoxen Suprematie aus, wofür er sich zweckdienliche theologische Argumentations zurechtschneidern lasse – Der Phanar verleihe die Autokephalie, ohne dass es darüber gesamtorthodoxen Konsens gebe – Drittens dringe Konstantinopel in das kanonische Territorium anderer autokephaler Kirchen ein und anulliere historische Dokumente, in denen deren Grenzen ein für alle Mal festgelegt wurden – Weiter steht Bartholomaios allen orthodoxen Kirchen das Apellationsrecht an den Phanar zu und benützt das als Hebel zur Einmischung in deren innere Angelegenheiten – Zuletzt nehme Konstantinopel für sich das Recht zur Errichtung exempter Klöster – der so genannten Stauropegien – überall in der Orthodoxie auch gegen den Willen der örtlich zuständigen kirchlichen Obrigkeit in Anspruch – womit der russische Patriarch auf einen aktuellen Fall zu Lasten der tschechisch-slowakischen Orthodoxie anspielte.

Der serbische Patriarch Irinej schloss sich diesen Anklagen gegen den Ökumenischen Patriarchen nicht an, ebensowenig die anderen Kirchenvertreter.

An dem Moskauer Kommunique fällt schliesslich auf, dass es Metropolit Onufrij von Kiew als “Seine Seligkeit” bezeichnet, was nur für Patriarchen und autokephale Metropoliten bzw. Erzbischöfe üblich ist, obwohl die moskautreue ukrainische Orthodoxie seit 1990 nur über “autonomen” Status verfügt. Auch bei seinem Ende Februar an Amman anschliessenden Besuch bei der serbischen Kirche Montenegros wurde Onufrij als “Blazenejsij” (Seligster) tituliert. Es scheint also die neue Taktik der russischen Kirchenpolitik in der Ukraine zu sein, deren Augtokephalie als schon mit der autonomen Kirche verwirklicht hinzustellen. Das erinnert an die Augenauswischerei des Kremls, der die ukrainische Sowjetrepublik nach außen als unabhängig mit Sitz und Stimme bei den UN hingestellt hat.

Damit nicht genug hat der Chefstratege von Moskaus kirchlicher Außenpolitik, Metropolit Hilarion Alfeev von Volokalamsk, inzwischen dem Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. jede weitere gesamtorthodoxe Position und schon gar nicht Rolle abgesprochen. Auf der für ihre Feindseligkeit gegen Konstantinopel längst bekannten Website der ukrainischen “Union orthodoxer Journalisten” (UPZ) behauptet Hilarion, dass sich der Phanar durch seine Selbstherrlichkeit “selbst isoliert” habe: “Er vermag nicht mehr zur Lösung eines Konfliktes beizutragen, den er selbst heraufbeschworen hat.” Konstantinopel sei in den gegenwärtigen Auseinersetzungen eine der Parteien geworden und könne so weder die Orthodoxie aus der Krise führen, noch vermitteln oder koordinieren. “Die alte Plattform unter Leitung des Patriarchats von Konstantinopel hat jede Bedeutung verloren”. An ihre Stelle habe die kollektive Führung durch “interorthodoxe Beratungen” wie jene von Amman zu treten. “Eine andere Alternative gibt es nicht mehr…Es ist für alle von uns nötig, zusammen die Probleme zu lösen, die vom Konstantinopler Patriarchen geschaffen werden”, schliesst Metropolit Alefeev.

Beifall hat das sofort vom bulgarischen Metropoliten Gavriil Metodiev-Dinev von Lovec erhalten. In einem Interview mit dem Staatlichen Rundfunk in Sofia bemerkte er: “Christus hat gesagt: Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, bin Ich in ihrer Mitte. Folglich hat die Kirche immer als Kollektiv entschieden. Heute waren sechs Kirchen versammelt, das nächste Mal werden es wohl mehr sein und die Probleme auf die rechte und kanonische Weise lösen können, zum Wohl der Einheit”.

Damit könnte der in Moskau Ausgebildete, der auch in den Jahren vor der Wende die bulgarische Kirche bei der russischen vertreten hatte, nicht Unrecht behalten. Einige Orthodoxe,  die rumänische an der Spitze, möchten gern in der neuen kollektiven Führung mitmischen. Auch hat das Ökumenische Patriarchat seine Führungsrolle bei dem Alleingang in der Ukraine eindeutig strapaziert…

 

Foto: Nikos Papachristou

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