Orthodoxer Kirchengipfel Amman im Voraus entschärft

Jerusalemer Gastgeber sprechen von „familiärem Kaffeekränzchen“

Von Heinz Gstrein

Phanar. Mit einem regelrechten „Canossa-Gang“ zum Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. hat überraschend eine Abordnung des Patriarchats von Jerusalem im Phanar vorgesprochen. Es fehlten nur wenige Tage zu dem Ende-Februar-Termin, an dem in der jordanischen Hauptstadt ein von Jerusalems Theophilos III. angeregter orthodoxer Kirchengipfel mit dem Hauptthema ukrainische Autokephalie stattfinden soll. Bartholomaios I. hatte sowohl die Zweckmäßigkeit dieser Konsultation wie ihre rechtmäßige Einberufung durch jeden anderen als den Ökumenischen Patriarchen bestritten. Jetzt versuchte die Eildelegation aus Jerusalem Einwände und Bedenken des Phanars zu entkräften.

Zu diesem Zweck konnte sie nicht besser zusammengesetzt sein und zu keinem günstigeren Zeitpunkt eintreffen: Noch war am 15. Februar 2020 um Bartholomaios zu Mittag der Hl. Synod von Konstantinopel zu seiner monatlichen Session versammelt, als der im Jerusalemer Pariarchat geschäftsführende Metropolit Hesychios Kontogiannis von Kapitolias, der in Leningrad ausgebildete und russisch beeinflusste Metropolit Timotheos von Bostra und Jerusalems ständiger Vertreter für die Türkei, Erzbischof Nektarios Selalmatzidis, eintrafen. Nach zweistündiger Aussprache veröffentlichte als erstes das Ökumenische Pariarchat ein Kommunique. Diesem zufolge wurde Bartholomaios I. über die Jerusalemer Initiative für ein Gipfeltreffen der orthodoxen Kirchenoberhäupter informiert, worauf eine lange Diskussion folgte. Der Ökumenische Patriarch wiederholte energisch den schon bekannten Standpunkt von Unzuständigkeit der Heilig-Land-Kirche, nahm aber deren Standpunkt und Erklärungen ebenso zur Kenntnis wie er ein Geschenk seines Jerusalemer Amtsbruders mit einem persönlichen Schreiben entgegennahm.

Noch am gleichen Tag wurde auch in Jerusalem eine Erklärung abgegeben, die Begegnung von Amman darin als „brüderliche Zusammenkunft“ bezeichnet. Für sie habe schon eine Mehrzahl der orthodoxen Kirchenoberhäupter ihre Teilnahme angesagt. Auf der Tagesordnung stünden orthodoxe Einheit, interorthodoxer Dialog und Aussöhnung. In dem Jerusalemer Kommunique wird besonders hervorgehoben, dass dem Ökumenischen Patriarchen glaubhaft gemacht werden konnte, dass die Begegnung von Amman keine offizielle Synode bzw. Synaxis darstellen wird. Es handle sich vielmehr um ein „Familientreffen“ orthodoxer Führungsbrüder zum Zweck des gegenseitigen Meinungsaustausches.

Diese Vorausabwertung des orthodoxen Gipfels von Amman zu einem Familientreffen mit Kaffeeklatsch macht ihn und seine zu erwartenden Beschlüsse für die Akteure und Unterstützer der neuen ukrainischen Autokephalen Kirche zu einer ungefährlichen Angelegenheit. Das befürchtete „Gegenkonzil“ zum Vorgehen von Konstantinopel in Kiew wird nun zu einem harmlosen Diskussionsklub des russophilen Flügels der orthodoxen Kirchenfamilie. Die unverhehlte Freude, mit der Bartholomaios seine Gäste aus Jerusalem verabschiedete, hat daran keinen Zweifel gelassen.

Genau so sehen das die ersten Kommentare des „Jerusalemer Samstagsgeschenkes“ an Bartholomaios auf der Athener Blogsite orthodoxia.info, die auch interessante Zusatzinformationen zu den kirchenamtlichen Darstellungen liefert. „Spät seid ihr gekommen, fast zu spät!“, habe Bartholomaios die Abgesandten begrüßt. „Gerade noch nicht zu spät, um die Einheit der Orthodoxie zu gefährden.“ Die Jerusalemer Bischöfe versuchten ihren Patriarchen damit herauszureden, dass er irregeführt wurde. Sie ließen vermuten, dass der ganze Plan für eine Anti-Autokephalie-Synaxis gar nicht in Jerusalem ausgeheckt worden sei. „Der Plan verrät Moskauer Handschrift“, soll ein Mitglied des Hl. Synods von Konstantinopel gesagt haben: „Passt nur auf, dass ihr nicht als nächste an die Reihe kommt: Russland liebäugelt schon lang mit dem Heiligen Land und seinen Heiligen Stätten.“ andschrifHandschrifHan

Als ihm die Jerusalemer Delegation eine neue Einladung für Amman überreichte, antwortete der Ökumenische Patriarch mit der Gegenfrage; „Warum habt Ihr die Autokephale Kirche der Ukraine nicht nach Amman eingeladen? So werde ich weder selbst kommen, noch eine Vertretung entsenden!“

Die Idee, an dem Gipfelreffen – so wie es konzipiert war – zwar teilzunehmen, aber statt des Kirchenoberhauptes eine Delegation von Bischöfen und Theologen zu entsenden, geht auf die Rumänische Orthodoxe Kirche zurück. Die Vollversammlung ihrer Bischöfe hat am 13. Februar unter dem Vorsitz von Patriarch Daniil beschlossen, dass dieser nicht persönlich nach Amman gehen soll. Die Kirchenführung in Bukarest hat zur Lösung des Ukraineproblems schon zweimal 2018 und 2019 direkte Verhandlungen zwischen den Pariarchaten von Konstantinopel und Moskau vorgeschlagen. Sie erwarte sich nichts von einer Ausweitung der Debatte auf andere, an dem Kernkonflikt unbeteiligte orthodoxe Kirchen. Doch wolle sich die rumänische Orthodoxie nicht von dieser zwar nach ihrer Ansicht wenig versprechenden Initiative abkapseln und mit einer weniger hochrangigen Abordnung an dem nun geplanten „Familientreffen der Orthodoxen“ vom 25. bis 27. Februar teilnehmen.

Kirchenpolitische Beobachter sind allerdings der Meinung, dass es den Rumänen in erster Linie darum geht, es sich weder mit dem Phanar noch Moskau zu verderben. Ähnlich dürfte es bei der Polnischen Orthodoxen Kirche stehen: Ihr Metropolit Savva hatte nach längerem Hin und Her schon für Amman abgesagt. Jetzt überlegt er jedoch wieder, ob nicht auch er dem Beispiel von Daniil mit einer Delegation folgen und damit auf gutem Fuß mit Bartholomaios und Kyrill bleiben soll. Ähnliche Neigungen dürften jetzt noch bei Bulgariern und Georgiern zu greifen beginnen.

Nicht mehr so sicher wie anfänglich geglaubt, scheint nun Fünf vor Zwölf des Ammaner Gipfels die Anreise des Serbenpatriarchen Irinej zu sein. Belgrad hatte Konstantinopel lang und auch noch beim Orthodoxen Konzil von Kreta 2016 die Stange gehalten. Seit dem

ukrainischen Vorgehen von Patriarch Bartholomaios I. begannen die Serben jedoch zu befürchten, dass er in ähnlicher Weise die Bestrebungen zur kirchlichen Verselbständigung von Mazedoniern und Montenegrinern durchziehen könnte. Tatsächlich hat der Phanar mit dem Auokephalieprozess für die mazedonische Erzdiözese Ohrid schon Ernst gemacht. Das hatte zur Folge, dass die geplanten Feiern zum 800. Jahrestag der serbischen Autokephalie 2018/19 nicht wie geplant im türkischen Isnik (Nicäa) stattfanden, wo damals die Ökumenischen Patriarchen ihren Sitz hatten, und dass Irinej zum sicheren Teilnehmer für Amman wurde. Inzwischen hat aber das kräftige kirchliche und auch politische Eintreten des Phanars für die weitere Zugehörigkeit von Montenegro zur serbischen Orthodoxie in Belgrad frische Sympathien fürs Ökumenische Patriarchat geweckt. Montenegro wird Patriarch Irinej vielleicht wichtiger als Amman sein!

Während sich dort die kleine Tschechisch-Slowakische Orthodoxie im Sog der russischen Kirchenpolitik zu profilieren hofft, geht die kaum größere Albanische Orthodoxe Kirche ihren ganz eigenen Weg. Erzbischof Anastas von Tirana – er empfing eben in Aachen den Hemmering-Preis – hat es nach langem Schwanken doch abgelehnt, nach Amman zu reisen. Grundsätzlich vertritt er jedoch zur Ukraine den radikalsten Moskau genehmen Kurs überhaupt; Wie die Russische verweigert die Albanische Orthodoxe Kirche die Gültigkeit aller Weihen, die in Ukraine und weltweiter Diaspora außerhalb der alten zarischen Staatskirche und dann dem sowjethörigen Episkopat gespendet wurden. Das hätte auch für die neue Autokephalkirche ungültige Ordinationen und Sakramente zur Folge…

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