Zwischen Serbentum und Ökumene

 

Patriarch Irinej hat vieles, aber nicht alles erreicht

 

Von Heinz Gstrein

Belgrad. Als prominentestes orthodoxes Corona-Opfer ist am 20. November der serbische Patriarch Irinej mit über 90 Jahren verstorben. Zu seiner Beisetzung in der Belgrader Savva-Kathedrale am folgenden Sonntag fanden sich Vertreter der gesamten Orthodoxie und Ökumene ein. Jahrzehntelang waren unauffällige Lehrtätigkeit am Seminar von Prizren und dann die Leitung des Bistums Nisch Schwerpunkte seines Wirkens. Dann gelang es dem schon hochbetagten Irinej Gavrilovic in den zehn Jahren seines Patriarchats, der serbischen Kirche nach ihrer Parteinahme in den jugoslawischen Zerfallskriegen der 1990er Jahre, katholiken- und muslimfeindlicher Animosität und innerkirchlichen Spannungen wieder gesamtorthodoxe und -christliche Bedeutung zu verschaffen. Das interkonfessionelle Gedenken 2013 an 1700 Jahre seit dem Mailänder Edikt in Kaiser Konstantins Geburtsort Nisch, seine Teilnahme am Orthodoxen Konzil von Kreta 2016 und 2018 die KEK-Vollversammlung „Ihr werdet meine Zeugen sein“ in Novi Sad wurden Höhepunkte des Wirkens von Serbenpatriarch Irinej.

Unerfüllt blieb hingegen sein Wunsch, persönlich mit dem römischen Papst zusammenzutreffen. Gleich bei seiner ersten Pressekonferenz Ende Januar 2010 hatte Irinej eine Begegnung mit Benedikt XVI. 2013 in Nisch angedeutet: „ Dieser neue Weg sollte christlich und aufrichtig sein, mit dem Wunsch, eine Kirche Christi zu errichten.” Doch auf ihrer Frühjahrssession 2011 klammerte die serbische Bischofskonferenz (Sabor) eine Einladung des Heiligen Vaters aus, um sie im Jahr darauf rundweg abzulehnen.

Durchsetzen konnte sich der Patriarch hingegen im Unterschied zu seinem Vorgänger, dem „Zauderpatriarchen“ Pavle Stojcevic (1990-2009), in den kirchlichen Belangen von Kosovo und gegen den Griff einer „bosnischen“ Bischofsriege nach gesamtserbischer Kirchenführung. Gleich im Herbst 2010 wurde Bischof Artemije Radosavlevic von Raska und Prizren seines Amtes enthoben und zum Mönch degradiert. Dieser war – wie andere Bischöfe auch – ein Schüler des „neuorthodoxen“, abendlandfeindlichen Theologen Justin Popovic (1894-1979). 1991 wurde Artemije in der Milosevic-Ära orthodoxer Oberhirte in Kosovo, wo er sich gegen dessen muslimische bzw. katholische Albaner stellte und dann die kosovarische Unabhängigkeit bis zuletzt bekämpfte. 2015 gründete er eine serbisch-nationale Gegenkirche. Jetzt hat Artemije seinen Gegenspieler Irinej nur um einen Tag überlebt: Er fiel am 21. November in einer Klinik seiner Heimatstadt Valjevo wie der Patriarch Corona zum Opfer…

Bosnische, zum Teil sogar miteinander verwandte Bischöfe hatten sich schon in der Tito-Zeit unter Patriarch German Djoric (1958-1990) kirchliche Führungspositionen gegenseitig zugespielt. In der Diaspora wurden die mitteleuropäische Diözese Deutschland/Österreich/

Schweiz und jene von Canada 1991/92 durch die Brüder Konstantin und Georgije Dokic aus Crnjelovo an der Save geleitet. Schon unter Patriarch Pavle häuften sich Klagen über beider Amtsführung und Privatleben, doch erst Irinej entschloss sich zum Durchgreifen. 2014/15 wurden beide endgültig abgesetzt, die Diözese Mitteleuropa in eine deutsche und eine österreichisch-schweizerisch-italienische geteilt. Bei ihrer Besetzung bewies Irinej mit Entsendung seines ökumenisch verantwortlichen Patriarchalvikars Andrej Cilerdjic als Bischof nach Wien eine besonders glückliche Hand.

Weniger erfolgreich wurde der Patriarch in seinen Bemühungen um die schon seit 1967 abgespaltene Mazedonische Orthodoxe Kirche. Er setzte dabei lang auf Unterstützung durch das Ökumenische Patriarchat, bis dessen ukrainisches Vorgehen in Belgrad die Befürchtung weckte, der Phanar könnte analog auch Mazedonien die Autokephalie gewähren. Irinej wandte sich darauf Moskau zu, das jetzt auch seinen „starken Mann“ Metropolit Hilarion Alfejev zum Patriarchenbegräbnis nach Belgrad entsandte.