Ukrainefrage am Anfang des orthodoxen Kirchenjahrs

Früherer Bischof in München wird Erneuerer thrakischer Metropolis

 

Von Heinz Gstrein

Istanbul. Im Phanar ging das griechisch-orthodoxe Kirchenjahr 2019/20 mit der letzten Sitzung des Heiligen Synods in seiner bisherigen Zusammensetzung zu Ende. Das Leitungskollegium des Ökumenischen Patriarchats Konstantinopel beschloss die Ernennung eines Metropoliten und von drei Bischöfen. Bei ersterem handelt es sich um den ehemaligen Koadjutor-Bischof der Metropolis Deutschland in München, Dimitrios Grollios. Dieser hatte sich von 1980 an um die griechischen Gastarbeiter in Bayern verdient gemacht, in München eine deutschsprachige Gemeinde gefördert und den Orthodoxen verschiedener Herkunft im unterfränkischen Bischofsheim die Kirche zum Hagios Nektarios geweiht. 2001 zog er sich 62jährig in den „Ruhestand“ nach Saloniki zurück. Dort entfaltete er allerdings rege caritative und ökumenische Wirksamkeit, so die Schaffung des Zufluchtsortes für misshandelte Kinder „Philyro“ oder seine Zusammenarbeit mit dem deutschen Freundeskreis orthodoxer, katholischer und evangelischer Christen „Philoxenia“. Jetzt wurde der mit 81 Jahren weiter rüstige Dimitrios Grollios vom Bischof zum Metropoliten erhoben und ihm die Reorganisation des Sprengels „Metra und Athyra“ am westlichen Rand von Istanbul anvertraut. Diese 1909 errichtete Metropolis erstreckte sich an der Bucht des Marmarameers zwischen dem heutigen Büyükcekmece und Catalca und umfasste 13 Gemeinden mit über 500 orthodoxen Familien. Diese wurden 1923 aus der Türkei nach Griechenland vertrieben. Patriarch Bartholomaios I. stellt wie in Kleinasien auch im östlichen Thrakien die kirchlichen Strukturen wieder her und reaktiviert dafür bewährte pensionierte Persönlichkeiten aus seinem Episkopat wie jetzt Dimitrios Grollios.

Für die mittelamerikanische Orthodoxie unter Metropolit Athenagoras Anastasiadis von Mexiko wurden drei Hilfsbischöfe erwählt, ein schon länger dort wirkender Grieche und zwei Lateinamerikaner. Die Metropolis Mittelamerika umfasst auch die beiden südamerikanischen Staaten Kolumbien und Venezuela, ihr Sitz war bis 2005 in Panama-Stadt. Im Unterschied zu den USA und Canada ist die Orthodoxie in Lateinamerika – abgesehen von zahlreichen arabischsprachigen Gläubigen des Patriarchats Antiochia in Brasilien – keine Diaspora-, sondern eine Missionskirche. Sie geht auf den spanischen Kapuziner, später Anglikaner und schließlich Orthodoxen Pablo de Ballester (1927-1984) zurück, der nach Studien in Griechenland und mehrjährigem Wirken am Patriarchat in Istanbul und in dessen Erzdiözese von Amerika 1970 Bischof mit Sitz in Mexiko wurde. Er hat sich darum verdient gemacht, vielen nur äußerlich zur katholischen Kirche gehörenden Christen in der Orthodoxie eine neue kirchliche Heimat zu geben und sie damit vor dem Abgleiten ins Sektentum zu bewahren. Ballester wurde am 31. Januar 1984 am Altar von einem religiösen Fanatiker erschossen. Er wird in der orthodoxen Kirche als Märtyrer verehrt.

Der abtretende Heilige Synod bestellte seine Nachfolge, die bis 28. Februar 2021 die Geschäfte des Ökumenischen Patriarchats führen wird. Aus dem deutschsprachigen Raum gehört ihr der Schweizer Metropolit Maximos Pothos an.

Für die Feier der Indiktion, des Anfangs vom neuen Kirchenjahr hatte sich Patriarch Theophilos III. von Jerusalem angesagt, um mit Bartholomaios I. ihre jüngsten Meinungsverschiedenheiten in Sachen Ukraine zu klären. Wegen akuter Corona-Epidemie im Jerusalemer Patriarchatskloster zu den Hll. Konstantin und Helena musste der Besuch im Phanar aber verschoben werden. Nächster passender Anlass dürfte das Konstantinopler Patrozinium des hl. Andreas am 30. November werden.

In Sachen Ukraine wurde der Ökumenische Patriarch von dem eben aus Kiew eingetroffenen Pariser Metropoliten Emmanuel Adamakis unterrichtet. Nach Informationen aus dem Phanar werde die durch Konstantinopel 2018/19 ins Leben gerufene Autokephale Orthodoxe Kirche der Ukraine von der Administration des neuen Präsidenten Volodymyr Selenskyj zwar nicht mehr so massiv unterstützt  wie durch seinen Vorgänger Petro Poroschenko, aber weiter wohlwollend behandelt. Zwar seien die zahlreich erwarteten Beitritte aus den Reihen der moskautreuen ukrainischen Orthodoxie bisher ausgeblieben, doch gebe es eine spürbare Tendenz von bedeutenden Einzelpersonen, sich der neuen Kirche anzuschließen. Auch sei die Rückkehr zum Kiewer „Patriarchen“ Filaret Denisenko, der die autokephale Kirche wieder verlassen hat, minimal geblieben. Die langsame, aber stetige Hinwendung zum vom Phanar angebotenen Lösungsweg für den nach der Wende ausgebrochenen ukrainischen Kirchenkonflikt sei Verdienst des demütigen und geduldigen Wirkens des neuen Metropoliten von Kiew, Epiphanij Dumenko.

Die letzte große Krise zwischen Konstantinopel und Moskau, damals wegen Loslösung der bulgarischen Orthodoxen vom Phanar, war von Patriarch Anthimos VI. während seiner dritten Amtszeit 1871-73 gemeistert worden. An seinem Namenstag, dem 3. September begab sich Bartholomaios I. mit Metropolit Emmanuel Adamakis und Erzbischof Elpidoforos Lambriniadis von New York, der ebenfalls zur Indiktion gekommen war, an das Grab von Anthimos VI. nach Kandilli im asiatischen Teil von Istanbul. Bartholomaios zelebrierte eine Gedenkandacht für seinen ebenfalls von der russischen Kirche angefeindeten Vorgänger mit dem Beinamen „Koutalianos“. Anthimos stammte von der Insel Koutali im Marmarameer. Dem späteren „Abtransport“ ihrer Christen 1923 hat der 2015 verstorbene türkische Schriftsteller und Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels, Kemal Yasar, mit dem Roman „Die Geschichte einer Insel“ ein bleibendes Mahnmal gesetzt.

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