Streitbare Mönche auf dem Dach

 

Koptisch-äthiopischer Klosterkrieg gefährdet gesamte Grabeskirche

 

von Heinz Gstrein

 Kairo. Die Koptische Orthodoxe Kirche nimmt die 50 Jahre seit der Besetzung ihres Klosters Deir as-Sultan (arabisch: Sultanskloster) in Jerusalem durch Mönche aus Äthiopien zum Anlass, eine Beendung dieser Auseinandersetzung vorzuschlagen. Neben der Kontroverse um die kirchliche Jurisdiktion in Eritrea stellt diese Klosterfrage den Hauptstreitpunkt zwischen den beiden größten altorientalisch-orthodoxen Gemeinschaften Afrikas mit über zehn Millionen koptischen und an die 40 Millionen äthiopischen Christen dar. Das traurige Jubiläum des Mönchskrieges auf dem Dach der Jerusalemer Grabeskirche, wo sich seit Kreuzfahrertagen Heiligtümer von Kopten und Äthiopiern befinden, bietet aber nur den Vordergrund, um sich an diesen außerhalb der Betroffenen weitgehend vergessenen Konflikt zu erinnern.

Dringende Reparaturen von Bauschäden am Deir es-Sultan, welche die gesamte Grabeskirche gefährden, erfordern einen Mindestkonsens zu ihrer Durchführung. Die Kairoer Tageszeitung „Al-Masri al-yom“ (Der Ägypter von heute) hatte schon Ende 2018 von „unaufschiebbarer Renovierung“ gesprochen. Ein Vermittlungsversuch des griechisch-orthodoxen Patriarchen Theophilos III. in diese Richtung sei gescheitert, die Risse in den Mauern werden weiter zahlreicher und bedrohlich tiefer…

Jetzt fordert in Ägypten dessen führender christlicher Publizist, der Kopte Youssef Sidhom, seine Kirchenleitung auf, die derzeitige israelisch-arabische Annäherung für eine rasche Lösung „am Dach der Grabeskirche“ zu nutzen.

Unter dem Titel „Probleme in der Warteschleife“ weist er im Leitartikel der koptischen Wochenzeitung „Watani“ (Mein Heimatland) vom 13. September darauf hin, dass es die Israelis waren, die den Äthiopiern vor dem Hintergrund des damals geführten „Abnützungskrieges“ mit Ägypten 1970 Tür und Tor des Koptenklosters im wahrsten Sinn der Redewendung geöffnet hätten. Auch sei es bis heute Israels Rückhalt für die äthiopischen Klosterbesetzer, der allein für deren Unnachgiebigkeit verantwortlich ist. Zur Bestätigung dessen verweist Youssef Sidhom auf einen schon am 23. September 1979 veröffentlichten Beitrag seines Vaters und Watani-Gründers Antun Sidhom, der unterstreicht, dass der Oberste Israelische Gerichtshof schon 1971 die Räumung von Deir es-Sultan und seine Rückgabe an die Kopten verfügt hatte. Bis heute verweigerten das aber Israels Behörden unter Berufung auf die nationale Sicherheit. Nun aber sei die Zeit gekommen, mit den Äthiopiern ohne israelische Blockade ins Einvernehmen zu

treten.

Nach Darstellung des koptischen Papst-Patriarchen Tawadros II. in der ägyptischen Presse verfügt seine Kirche über 17 Dokumente, die Besitztitel für Deir es-Sultan darstellen. Die koptische Präsenz in Jerusalem sei von den syrischen Orthodoxen vermittelt worden, das Kloster am Dach der Grabeskirche habe ihnen der frühe Kalif Abdel Malik (684-795) zugeteilt. Nach den Wirren der Kreuzzüge bestätigte Sultan Saladin den Kopten ihren Besitz. Seitdem ist der Name „Sultanskloster“ gebräuchlich.

Äthiopische Mönche hätten dort noch koptischer Darstellung erst im 17. Jahrhundert Aufnahme gefunden, als sie 1654 ihre eigenen Kirchen und Klöster den Griechisch-Orthodoxen und Armeniern abtreten mussten, weil sie die hohen osmanischen Abgaben nicht mehr bezahlen konnten. Es sei selbstverständlich gewesen, den Äthiopiern Zuflucht zu gewähren, da diese damals noch der koptischen Kirche angehörten. 1850 versuchten die Äthiopier zum ersten Mal von Gästen zu Besitzern der Klosterkomplexes zu werden, der sich auf dem Dach der Grabeskirche über 1800 m2 erstreckt, drei Kirchen zu Ehren der Hl. Helena, des Erzengels Michael und der Vier Körperlosen Wesen (Offb 4,6-8) sowie Mönchszellen und den Amtssitz des Abtes umfasst. Seit ihrer Vertreibung aus Deir es-Sultan betreuen die Kopten an der Grabeskirche nur mehr eine winzige Kapelle an der Rückseite des Heiligen Grabes. Ihr Erzbischof von Jerusalem hat seinen Sitz im Antonios-Kloster an der neunten Kreuzwegstation der Via

Dolorosa.

Nachdem schon der äthiopische Kaiser Johannes IV. (1872-1889) in Jerusalem ein Grundstück erworben und umfangreiche Mittel für einen eigenen Kirchen- und Klosterbau zur Verfügung gestellt hatte, wurde dieser 1896 unter Kaiser Menelik II. (1889-1913) als „Debre Genet“ (Berg des Paradieses) fertiggestellt. Weitere kirchliche Niederlassungen entstanden bei Betlehem und Jericho. Dennoch setzten die Äthiopier ihre Bemühungen fort, auch Deir es-Sultan in ihre Hand zu bekommen. Da sich das äthiopische Kaiserhaus auf den biblischen König Salomo zurückführte und Äthiopiens Kirche zentrale jüdische Traditionen wie die Verehrung der Bundeslade bewahrt hat, stellt die Präsenz in Jerusalem und besonders an der Grabeskirche eine wesentliches Gebot ihres Selbstverständnisses dar. Dieses Drängen wurde ab 1959, der kirchlichen Verselbständigung Äthiopiens nach jahrhundertelanger Eingliederung in das koptische Patriarchat, noch intensiver.

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