Führungswechsel bei den “assyrischen” Christen. Katholikos Gewargis III legt dorniges Amt in jüngere Hände

 

Von Heinz Gstrein

Erbil/Modesto.- Die “Heilige Apostolische und Katholische Kirche des Ostens” ging seit dem 5. Jahrhundert mit ihrer ostsyrischen Sprache und Kultur einen neben der römischen Reichskirche eigenen Weg im damaligen Persien und später auch dank ihrer großartigen Asienmission bis nach China, Korea und Japan. Ihre Reste finden sich heute in Nahost, Südindien und einer inzwischen dominierenden Diaspora, die mit Schwerpunkt in den USA von Skandinavien über Deutschland bis nach Australien reicht.

Mit dem Rücktritt ihres Oberhirten Mar Gewargis III. Sliwa vom Februar 2020 werden diese heutigen “Assyrer” nach den ostchristlichen Ostern am 19. April einen neuen Katholikos-Patriarchen erhalten. Seine Wahl durch den Bischofssynod wäre überflüssig, wenn in diesem auch sonst eigenwilligen Zweig orientalischer Christen noch die Erblichkeit höherer kirchlicher Ämter in Kraft wäre. Zu Eigenheiten wie dem Glauben an endzeitliche Allerlösung ohne Hölle, dem Fehlen der Einsetzungsworte Jesu für die Eucharistie und einer nur bescheidenen Marien- und Bilderverehrung gehörte noch ein Übergehen der Patriarchen- und Bischofswürde an den erstgeborenen Neffen. Seine Mutter bereitete schon das Ungeborene mit strengem Fasten auf die künftige Würde vor. Sollte sie ein Mädchen zur Welt bringen, erlangte auch dieses in der assyrischen Kirche beachtlichen Einfluss an der Seite ihres nachgeborenen Bruders.

Diese Praxis von “Nepotismus” verschwand ebenso wie der alte julianische Kirchenkalender seit den 1960er Jahren, was jedoch zur Abspaltung einer “alten” assyrischen Kirche führte. Der 2015 als erster Katholikos-Patriarch nach fast einem Jahrhundert Exil in Iran, Bagdad, Zypern und den USA wieder im angestammten kurdischen Bergland – jetzt in Ankauwa bei Erbil – eingesetzte Gewargis III. kündigte im Mai 2019 weitere Reformen an, vor allem eine Ersetzung der alt-ostsyrischen Kirchensprache durch  das teilweise noch lebendige moderne Idiom. Das war vor allem ein Anliegen der in ihrer mesopotamischen Heimat ausharrenden Assyrer. Mit seiner Durchführung an den liturgischen und biblischen Texten wurde daher Bischof Ischak Jussif von Dohuk im autonomen irakischen Kurdistan beauftragt.

Die Diaspora hat diese Umstellung eher kritisch aufgenommen, da dort kaum noch eine assyrische Umgangssprache verbreitet ist und diese erst für den kirchlichen Gebrauch dazugelernt werden müsste. Diese Spannungen dürften auch mit einer der Gründe sein, weshalb Gewargis III. inzwischen – abgesehen von angegriffener Gesundheit – die Führung seiner Kirche abgibt. Allgemeine Zustimmung fand hingegen die von ihm auf der Mai-Synode initierte Liturgiereform. Sie soll die gottesdienstlichen Gepflogenheiten in der orientalischen Heimat mit Straffungen und Vereinfachungen in Einklang bringen, die sich in der Diaspora durchgesetzt haben.

Die Sorge des Katholikos-Patriarchen und seiner Synodalen galt auch einem rechten, dem Schöpferwillen konformen Ehe- und Geschlechterverständnis. Mit der Ausarbeitung einer Enzyklika zu diesem Zentralthema christlichen Familienlebens wurde der Patriarchalvikar und Bischof von Erbil beauftragt, Mar Abris Juchanan Auschalem. Er ist führender, in Rom an der Päpstlichen Akademie Alfonsiana geschulter Moraltheologe seiner Kirche.

Mar Abris gilt auch als Wunschkandidat der assyrischen “Bleiber” in Nahost für die Nachfolge von Gewargis III. Die Diaspora hingegen sympathisiert mit dem in ihr einflussreichen Sekretär der Synode, Bischof Awa Royel von Modesto. Der will aber kaum sein lachendes Kalifornien mit dem “wilden Kurdistan” vertauschen. Was er in einem Interview für Assyrian Church TV auch schon angedeutet hat.

Der noch vom alten Katholikos für 2020 nach Erbil einberufene “Weltkongress der assyrischen Jugend” wird jedenfalls erst unter dem neuen Kirchenoberhaupt stattfinden. Unverändert hingegen seine Zielsetzung, die junge Generation von Heimat und Diaspora zusammen zu führen.

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