Von der Umwidmung zum ersten Moscheegebet

Ende des Hagia-Sophia-Museums stößt auch in der Türkei auf Kritik

Caricature: © Markus Szyszkowitz

 

Von Heinz Gstrein

Istanbul. Nach dem Dekret von Präsident Recep Tayyip Erdogan über die Umwandlung des multireligiösen und -kulturellen Hagia-Sophia-Museums in eine Moschee und den Beginn der islamischen Gottesdienste am 24. Juli reagiert der Ökumenische Patriarch der Orthodoxie, Bartholomaios I., vorerst mit vielsagendem Schweigen. Die Sophienkirche war von 537 bis 1453 Sitz des Patriarchats von Konstantinopel und wird auch weiter als „Große Kirche“ in dessen Titulatur geführt. Keinen Kommentar gab Bartholomaios auch am 12. Juli ab, als er mit vielsagend zusammengebissenen Lippen den georgischen Diakon Erakle Jinvolava zum Priester weihte. Dieser hat in München orthodoxe Theologie studiert und wird als Seelsorger für die zahlreichen Migrantinnen und Migranten aus Georgien in Istanbul tätig sein.

Hellhörig vermerkt wird im Phanar allerdings die Flut interkonfessioneller und interreligiöser Proteste gegen die Anullierung des 1934 vom Europäisierer der Türkei, Kemal Atatürk, begründeten Status der ehemaligen Kirche und dann Moschee als säkulares Museum. Besondere Beachtung fand der „große Schmerz“, den Papst Franziskus „empfindet, wenn er an das Wahrzeichen in Istanbul denkt“. Auf die halboffiziellen Website des Patriarchats, „Phos Phanariou“ gelangten nur die Vorbehalte des Genfer „Ökumenischen Rates der Kirchen“ (ÖRK). In dessen Schreiben an den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan wird dieser aufgerufen, seine Entscheidung der Aufhebung des bisherigen Charakters der Hagia Sophia als Kulturgut aller Menschen „zu überdenken und zu revidieren“.

Als Interessenvertretung von Istanbuls Christen bekundet die „Ökumenische Vereinigung der Konstantinopler“ am 11. Juli 2020 ihr „tiefes Befremden“ über das Ende des Sophienkirche-Museums, „das sich schon länger abzeichnete.“ Es habe keine gesetzliche Grundlage, nachdem der Oberste Türkische Verwaltungsgerichtshof vor der nunmehrigen Zustimmung dreimal negative Beschlüsse in derselben Angelegenheit gefasst hat. Die Schließung des Museums nach 85jährigem Bestehen stehe auch in Widerspruch zu dem 2005 von der Türkei verkündeten „Bündnis islamischer und christlicher Kultur“.

 

Die Unterstützungserklärungen für die Hagia Sophia von höchsten russischen und serbischen Kirchenvertretern begrüßt man in der Umgebung von Patriarch Bartholomaios I. als Vorzeichnen eines Wieder-Zusammenwachsens der in Sachen ukrainische Autokephalie zerstrittenen Orthodoxie. Hatte es Ansätze dazu schon unter dem Druck der Corona-Epidemie gegeben, so erweist sich jetzt das türkische Vorgehen gegen das gemeinsame orthodoxe Symbol der Hagia Sophia als einigendes Band zwischen dem Phanar, Moskau und Belgrad.

Nach Islamisierung des Hagia-Sophia-Museums in Istanbul zur Moschee bläst Staatschef Recep Tayyip Erdogan der Sturmwind eines internationalen Aufschreis ins Gesicht. Doch eröffnete er gleich am Tag nach dem Griff auf die Hagia Sophia eine weitere Moschee und warf seinen Kritikern im Ausland vor, sie müssten zuerst die eigenen Muslimminderheiten besser behandeln, bevor sie sich in innere türkische Angelegenheiten einmischten. Er werde sich in Sachen der Ayasofya-Moschee genauso wenig etwas vorschreiben lassen wie hinsichtlich von Ankaras „Interessen“ in Syrien und Libyen.

In der Türkei selbst hat der Sultans-Imitator Erdogan mit seiner Moscheeisierung wenig dazugewonnen. Jene Islamisten, die jetzt vor der einst größten Kirche der Christenheit jubeln und trubeln, standen ohnehin schon hinter ihm. Abseits und abweisend stehen jene Türken und vor allem Türkinnen, die im säkularen Erbe des großen Europäisierers und Frauenbefreiers Kemal Atatürk aufgewachsen sind. Als er 1934 die Hagia Sophia, nachdem sie fast 500 Jahre als osmanische Reichsmoschee dienen musste, für alle als Kulturstätte öffnete, wurde das Ayasofya-Museum zum Hauptsymbol der modernen Türkei.

Erdogan hat jetzt darauf Bezug genommen, dass sich der Eroberer von Konstantinopel, Mehmet II., die byzantinische Patriarchenkirche mit dem Recht des Siegers zu eigen und zur Moschee gemacht hätte. Der Chef der staatlichen türkischen Religionsbehörde, Ali Erbas, behauptete sogar im Privatsender „A Haber“ (Eins-A Nachricht), dass Sultan Mehmet II. jeden verflucht hätte, der seine Ayasofya-Moschee wieder für einen anderen Zweck missbrauche. Verflucht also auch Kemal Atatürk, dessen Andenken und Erbe in der Türkei über 80 Jahre unantastbar gewesen war.

Heute leben wir aber im 21. und nicht mehr im 15. Jahrhundert. Nur wieder Terrormilizen wie der Islamische Staat (IS) verwandeln Kirchen in Moscheen, vernichten ihren Bilderschmuck. Um diesen geht es jetzt in Sachen Hagia Sophia in ganz besonderer Weise. Atatürk hatte sich zur Schließung der Moschee zugunsten des Museums entschlossen, als ihm die ersten vom „Byzantine Institute of America“ freigelegten, einzigartigen Mosaiken und Fresken gezeigt wurden. Jetzt müssen diese Kunstwerke wieder verschwinden. Der bilderfeindliche Islam duldet sie nicht. Auf welche Art und Weise soll Mitte Juli beschlossen werden. Während der ersten Moscheephase wurden sie „verputzt“ und dabei weitgehend zerstört. Erdogan nennt jetzt diesen Putz einen „schützenden Firnis“, unter dem er dieses Weltkulturgut – so die UNESCO – wieder verschwinden lassen will. Dagegen laufen auch in der Türkei alle nur halbwegs Gebildeten Sturm. Nicht nur große Namen wie Nobelpreisträger Orhan Pamuk oder die auch auf Deutsch vielgelesene Autorin Elif Safak. Allerdings dürfen sie nicht einmal in den letzten noch halbwegs oppositionellen Medien zu Wort kommen. Die hüllen sich zur Hagia Sophia in betretenes Schweigen. Einzige Ausnahme die nach wie vor kemalistische Hürriyet (Freiheit). Sie hat zwar bei der Rückwidmung des Museums zur Moschee Zurückhaltung gezeigt, nimmt sich aber jetzt der bedrohten Kunstschätze umso tapferer an. Für ihre Rettung gehen die sozialen Netzwerke an Protesten über, fordern das Einschreiten der UNESCO „mit Taten und nicht nur Worten“. Erdogan will daher Facebook, Twitter und andere verbieten lassen.

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