Hagia Sophia war Europäisierungssymbol

Auch in der Türkei Gebildete gegen ihre Moscheeisierung

Caricature: © Markus Szyszkowitz

Von Heinz Gstrein

Nach Islamisierung des Hagia-Sophia-Museums in Istanbul zur Moschee bläst Staatschef Recep Tayyip Erdogan der Sturmwind internationalen Aufschreis ins Gesicht. Wenn Papst Franziskus „großen Schmerz“ empfindet, gibt er der allgemeinen Wut und Empörung nur vorsichtig Ausdruck. Doch auch in der Türkei hat Sultans-Imitator Erdogan mit seiner Moscheeisierung wenig dazugewonnen. Jene Islamisten, die jetzt vor der einst größten Kirche der Christenheit jubeln und trubeln, standen ohnehin schon hinter ihm. Abseits und abweisend stehen jene Türken und vor allem Türkinnen, die im säkularen Erbe des großen Europäisierers und Frauenbefreiers Kemal Atatürk aufgewachsen sind. Als er 1934 die Hagia Sophia, nachdem sie fast 500 Jahre als osmanische Reichsmoschee dienen musste, für alle als Kulturstätte öffnete, wurde das Ayasofya-Museum zum Hauptsymbol der modernen Türkei.

Erdogan hat jetzt darauf Bezug genommen, dass sich der Eroberer von Konstantinopel, Mehmet II., die byzantinische Patriarchenkirche mit dem Recht des Siegers zu eigen und zur Moschee gemacht hätte. Heute leben wir aber im 21. und nicht mehr im 15. Jahrhundert. Nur wieder Terrormilizen wie der Islamische Staat (IS) verwandeln Kirchen in Moscheen, vernichten ihren Bilderschmuck. Um diesen geht es jetzt in Sachen Hagia Sophia in ganz besonderer Weise. Atatürk hatte sich zur Schließung der Moschee zugunsten des Museums entschlossen, als ihm die ersten von einem amerikanischen Team freigelegten, einzigartigen Mosaiken und Fresken gezeigt wurden. Jetzt müssen diese Kunstwerke wieder verschwinden. Der bilderfeindliche Islam duldet sie nicht. Auf welche Art und Weise soll am Dienstag beschlossen werden. Während der ersten Moscheephase wurde sie „verputzt“ und dabei weitgehend zerstört. Erdogan nennt jetzt diesen Putz einen „schützenden Firnis“, unter dem er dieses Weltkulturgut – so die UNESCO – wieder verschwinden lassen will. Dagegen laufen auch in der Türkei alle nur halbwegs Gebildeten Sturm. Die sozialen Netzwerke gehen an Protesten über. Erdogan will sie daher von Facebook und Twitter angefangen verbieten lassen.

 

 

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