Auf EU-Nothilfe angewiesen. Türkei verhandelt am Bosporus mit Griechenland

 

Von Heinz Gstrein

Nach ihrem sommerlichen Säbelrasseln setzt sich die Türkei diese Woche in Istanbul mit dem Erbfeind Griechenland an den Verhandlungstisch. Es geht um das, was Recep Tayyip Erdogan „blaue Heimat“ nennt, Gewässer vor griechischen Inseln und Zypern, unter denen reiche Erdgasvorkommen schlummern. Im Vorfeld hat US-Außenminister Mike Pompeo am Dienstag vom amerikanischen Stützpunkt Souda auf Kreta aus den Griechen massiven Rückhalt gewährt. Allzu lang war Erdogan Liebkind von Präsident Donald Trump, bis er sich mit seiner Israelfeindschaft dessen Sympathien doch verscherzt hat. Auch konnte seine Moscheeisierung der Hagia Sophia und anderer Kirchenmuseen einige Islamisten um ihn scharen, hat die kultivierte Welt jedoch vor den Kopf gestoßen.

Für Ankara gab das nach seinen Schlappen bei den Interventionen in Syrien und Libyen den Ausschlag, wenigstens den EU-Staaten Griechenland und Zypern gegenüber auf Gesprächsbereitschaft zu schalten. Was Erdogan am Monatsende nicht hindert, den frischen Konflikt zwischen dem „türkstämmigen“ Aserbaidschan und Armenien um Berg-Karabach zu schüren. Es lässt eben die Katze das Mausen und Erdogan das Zündeln nicht.

 

 

Wenn er sich jetzt in Richtung Athen und Nikosia gesprächsbereit gibt, wie das aus Erdogans dreiseitiger Botschaft an den EU-Gipfel vom Wochenende hervorgeht, hängt das auch damit zusammen, dass seine wieder und wieder neu geschärfte „Flüchtlingswaffe“ stumpf geworden ist. Das laute europäische Nachdenken über weniger Aufnahmebereitschaft – als bisher vom Dublin-Abkommen garantiert – konfrontiert Ankara mit dem Schreckgespenst, auf fast vier Millionen Flüchtlingen und Auswanderern sitzen zu bleiben.

Dabei steht die Türkei vor dem finanziellen Ruin. Nicht nur Erdogans kostspielige Palastbauten – so jetzt wieder am Van-See – und militärischen Abenteuer, vor allem die nicht einkalkulierte Corona-Pandemie haben den Staatshaushalt überfordert und die Wirtschaft ins Wanken gebracht. Ohne den üblichen Handel und Wandel, mit stagnierender Produktion und Ausbleiben der Touristendevisen steht den Türken ein karger Winter bevor. Der letzte große Exportmarkt für türkische Konsumgüter, Saudi-Arabien, boykottiert diese jetzt aus politischen Gründen. Viele Familien, von denen übrigens fast alle ein Mitglied als Erdogan-Gegner im Gefängnis haben, können nur noch von Überweisungen ihrer auslandstürkischen Verwandten in Mitteleuropa leben. Die Türkei ist nicht einmal mehr in der Lage, ihre wegen Covid dringenden benötigten ausländischen Medikamente zu bezahlen: Allein amerikanischen Pharma-Konzernen schuldet Ankara 2,3 Milliarden Dollar, zehnmal soviel wie vor einem Jahr.

 

 

Erdogan will sich daher jetzt ein Einlenken im Streit um die gasreichen Kontinentalsockel in Ägäis und Mittelmeer von der EU honorieren, regelrecht vergolden lassen. Ankara hofft dabei vor allem auf Bereitschaft in Berlin und aus Brüssel, ihm als Migranten-Auffangbecken neue Euro-Milliarden anzuweisen. Die bisherigen großtürkischen Ablenkungsmanöver und autoritäre Überwachung reichen nicht mehr aus, um selbst Erdogans übergeduldiges Volk ruhig zu halten. Wenn es den Türken nicht bald besser geht, kann das für ihn und sein Regime ein schlechtes Ende nehmen…

 

Foto: Dimitris Papamitsos

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