Erdogan sucht brüderliche Corona-Aussöhnung mit Armeniern

 

Von Heinz Gstrein

Istanbul/Eschmiadzin/Athen.-Zum 105. Jahrestag des Anfangs vom türkischen Genozid an den armenischen Christen am 24. April 1915 hat Präsident Recep Tayyip Erdogan ihrem Istanbuler Patriarchen Sahag II. überraschendes Beileid ausgesprochen. In seinem Schreiben bedauerte er so weitgehend wie noch nie die Leiden der Armenier unter den beiden vorletzten osmanischen Sultanen, sprach den Betroffenen seinen Respekt und ihren Nachkommen Mitgefühl aus. Erdogan garantierte ihnen, dass von ihm kein einziger Bürger wegen seiner Religion oder ethnischen Identität ausgegrenzt werde. Er dankte der armenischen Minderheit in der Türkei für ihren Geist des Einvernehmens und der Brüderlichkeit, den sie in der Corona-Pandemie bewiesen haben.- Die strittige Charakterisierung der Armeniermorde als „Genozid“ nahm Erdogan weder in den Mund noch widersprach er ihr ausdrücklich.

Die offizielle türkische Version von heute führt den Tod von mindestens 1,5 Millionen auf Fraternisierung mit den im Ersten Weltkrieg in der Osttürkei vorrückenden Russen  und ihre dadurch notwendig gewordene Umsiedlung ins mesopotamische Innere zurück. Dass es dabei zu Massenmorden kam, wird auch von türkischer Seite heute zugegeben. Es habe sich aber um keinen vorausgeplanten Genozid gehandelt. Die Verhaftung der armenischen Elite von Konstantinopel am 24. April 1915 und ihre spätere Ermordung wird mit deren hochverräterischen Umtrieben begründet. Insgesamt sehen auch die Türken heute in den Ereignissen ab 1915 eine Tragödie, in der beide Seiten Leid erlitten haben.

Noch viel militanter hatte sich am Vortag der türkische Regierungssprecher Ibrahim Kalin geäußert. Der „Armenische Genozid“ sei eine Lüge, nur ein Kapitel im großen Völkersterben zwischen 1850 und 1920, dem auch fünf Millionen Muslime zum Opfer gefallen wären.

Der höchste  armenische „Katholikos“-Patriarch Karekin II., hat hingegen aus Anlass des 105. Jahrestages des Beginns der Armenier-Verfolgung im Osmanischen Reich die Hoffnung auf “universale Anerkennung des Völkermords an den Armeniern” ausgesprochen. Von seinem Sitz in Etschmiadzin bei der armenischen Hautstadt Jerewan würdigte er die „heiligen Märtyrer des Völkermords an den Armeniern” Um 12.00 Uhr Mittag läuteten in allen Kirchen Armeniens und der armenischen Diaspora mit Ausnahme der Türkei die Glocken zu ihrem Gedenken. Öffentliche Gedenkfeiern waren wegen des Corona-Virus unmöglich. Umso mehr Publikum an den Computern fand gerade in der Türkei eine virtuelle Gedächtnis-Zeremonie aus Athen mit dem griechischen Außenminister Nikos Dendias und anderen prominenten Rednern sowie dem bekannten armenischen Säger HaigYazdjian aus Aleppo.

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