Der Phanar ist ein lebensgefährlicher Boden

Unter dem Sultan galten Ökumenische Beziehungen als Hochverrat

 

Von Heinz Gstrein

Istanbul. Der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. hat auch dieses Jahr der Hinrichtung seines fernen, aber unvergesslichen Amtsvorgängers Grigorios V. am 10. April 1821 gedacht, was dem 22. April unseres westlichen Kalenders entspricht. Grigorios wurde an der – seitdem geschlossenen – Hauptpforte des Patriarchats im Istanbuler Phanar gehängt, weil er angeblich mit dem damaligen Aufstand der Griechen in Verbindung stand.

Im Blogspot «Phos Phanariou» weist zu seinem Gedenken der „Hausjournalist“ von Bartholomaios, Nikos Manginas, darauf hin, dass Gregorios V. nicht der einzige Ökumenische Patriarch war, der zwischen 1453 und 1922 unter einem Osmanen-Sultan hingerichtet oder ermordet wurde. Mehmet II. hatte nach der Einnahme von Konstantinopel dessen Ökumenischen auch zum osmanischen Reichspatriarchen und für das Wohlverhalten aller orthodoxen Untertanen verantwortlich gemacht. Wiederholt haben aber auch diese bei der „Hohen Pforte“ gegen ihr geistliches Oberhaupt intrigiert.

So wurde gleich 1466 Joasaph I. Κοkkas ein Opfer der Umtriebe des notorischen Überläufers Georgios Amiroutzis aus Trapezunt. Dieser war vom Judaismus zur Orthodoxie übergetreten, unterschrieb 1439 in Florenz deren Wiedervereinigung mit Rom, um sich dann 1450 auf der Synode in der Hagia Sophia wieder auf die Seite der Unionsgegner zu schlagen. Nach der türkischen Eroberung von Trapezunt bekannte er sich mit Frau und Kindern zum Islam, was ihn zu einem Günstling von Sultan Mehmet II- machte. 1466 wollte Amiroutzis als Nebenfrau die schöne Maria Asanina heiraten, Witwe des letzten Kreuzfahrer-Herzogs von Athen. Damit nicht genug, verlangte er von Patriarch Joasaph I. die kirchliche Einsegnung dieser Ehe. Als dieser das verweigerte, ließ ihm der Sultan den Bart abschneiden und setzte ihn ab. Er übergab den Ex-Patriarchen an Amiroutzis, der ihn tötete.

Patriarch Raphail I. (1475-76) war serbischer Herkunft. Als er seine Ernennungsgebühr (peskes) nicht aufbringen konnte, wurde er wieder abgesetzt und eingekerkert. Er starb bald unter den unmenschlichen Haftbedingungen.

Patriarch Raphail II. (1603-1607) wurde von Sultan Ahmet I. als Hochverräter abgesetzt. Der Vorwurf einer Verschwörung mit der Republik Venedig und dem Papst gründete sich auf die Erhebung des in Rom ausgebildeten Ignatios Mendona-Scutta zum Archimandriten an der Chryssopigi-Kirche im Konstantinopler Stadtteil Pera. Der „Katholikenfreund“ Raphail II. wurde nach grausamen Folterungen hingerichtet.

Die damalige osmanische Türkei betrachtete eben ökumenische Kontakte ihrer Orthodoxen als staatsgefährdend. Das bekam auch Patriarch Kyrillos I. Loukaris zu spüren, den wegen seiner zu engen Beziehungen mit den niederländischen und Schweizer Reformierten im Juni1638 auf Befehl des Großwesirs Bairam Pascha  Janitscharen im Bosporus ertränkt haben.

Kyrillos II. Kontaris stammte aus Aleppo und war der katholikenfreundliche Gegenspieler von Loukaris. Er überlebte diesen aber nicht lange auf dem Patriarchenthron; Als ein von ihm unterschriebenes katholisches (mit Filioque) Glaubensbekenntnis bekannt wurde, setzte ihn der Sultan 1639 ab und verbannte ihn nach Tunis. Der dortige osmanische Bey verlangte von ihm den Übertritt zum Islam, was Kontaris standhaft  verweigerte. Als er darauf gehängt wurde, zerriss der Strick zweimal. Kyrillos II. hat man schließlich erwürgt…

Patriarch Parthenios II. war zweimal von 1644-1646 und 1648-1651 im Amt. Er gehörte zur pro-reformierten Richtung von Loukaris, wurde deswegen abgesetzt und nach Zypern verbannt, konnte aber in den osmanischen Vasallenstaat Moldau fliehen. Von Iasi kehrte er in den Phanar zurück. Seine zweite Amtszeit ist von ökumenischer Zurückhaltung gekennzeichnet. Doch wird er wegen seiner Kontakte zu Russland verdächtig und am 16. Mai 1651 im Marmarameer ertränkt. Sein Grab befand sich – wie jene von zwei seiner ebenfalls getöteten Nachfolger – auf der Insel Chalki im Marienkloster Koumariotissa, bis dieses 1942 zu einer Akademie der türkischen Marine gemacht wurde. Nach dem Putsch vom 16. Juli 2016 hat Präsident Recep Tayyip Erdogan die Flottenschule geschlossen, das Kloster aber nicht zurückgegeben. Es soll jetzt internationale Ausbildungsstätte für Moschee-Prediger werden…

Die Mitte des 17. Jahrhunderts bleibt eine für Konstantinopler Patriarchen lebensgefährliche Zeit: Parthenios III. wurde am 1. April 1657 im Stambuler Stadtteil Parmakkapi gehängt, weil er mit Papst Urban VIII. korrespondiert und den sterblichen Überresten von Kyrillos I. Loukaris ein würdiges Begräbnis bereitet hatte.

Gabriel II. blieb 1657 nur zwölf Tage Ökumenischer Patriarch. Dann wurde er abgesetzt und zum Administrator von Bursa bestellt. Zwei Jahre später warf man ihm die Taufe eines Muslims vor und vollstreckte die dafür vorgesehene Todesstrafe. Erst später meldete sich der verängstigte Täufling; Es war ein Jude!

Patriarch Meletios II. (1768-1769) wurde wegen des ersten der vielen folgenden russisch-türkischen Kriege abgesetzt, eingekerkert und gefoltert. Er kam dann mit Verbannung nach Lesbos und später auf seine Heimatinsel Tenedos davon, wo er 1777 völlig verarmt gestorben ist.

Kyrillos VI. Serpentzoglou (1813-1818) war einer der fähigsten Ökumenischen Patriarchen; Er erneuerte das Schulwesen, sanierte die chronisch abgeschlagenen Finanzen des Phanars und war frei von jeder Bevorzugung des Griechentums innerhalb der Orthodoxie: Er predigte oft auf Türkisch und gab ein Griechisch-Bulgarisch-Griechisches Wörterbuch heraus. Seine Beliebtheit beunruhigte Sultan Mahmud II., so dass er Kyrillos zum Rücktritt zwang. Dieser zog sich auf den Berg Athos und später nach Adrianopel (Edirne) zurück. Dort überraschte ihn 1821 der griechische Aufstand. Wie Patriarch Gregorios V. wurde auch Kyrillos VI. gehängt.

Dessen Nachfolger Eugenios II. (1821-1822) war Bulgare aus Plowdiw. Er versuchte, den Leichnam von Grigorios V. vor der Schändung durch den Pöbel zu bewahren und wurde dabei so schwer verletzt, dass er sich nie mehr davon erholte…

Photo: Nikos Maginas

 

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