Angstschuss Erdogans, um sich Mut zu machen

Stimmen zur Moscheeisierung des Hagia-Sophia-Museums werden immer kritischer

Caricature: © Markus Szyszkowitz

 

Von Heinz Gstrein

Mitte Juli hat sich der Ökumenische Patriarch von Konstantinopel, Bartholomaios I., auf seiner Heimatinsel Imbros (türkisch: Imroz, seit 1970: Gökceada) aufgehalten, wo er ihren neuen Metropoliten Kyrillos Sykis in sein Amt einführte. Bartholomaios erwähnte dabei nicht direkt den am 24. Juli in Istanbul bevorstehenden Beginn der Moscheegottesdienste im bisherigen Museum der Sophienkirche in Anwesenheit von Präsident Recep Tayyip Erdogan.

Doch nahm er die heutige Wiedergeburt des christlichen Imbros zum Anlass der Bemerkung, dass „uns alle Verdrängungsmassnahmen der türkischen Behörden nur stärker machen. Imbros hat sein unsägliches Leid überlebt“. Die griechisch-orthodoxen Bewohner der im Friedensvertrag von Lausanne 1923 ausdrücklich geschützten Insel am Eingang zu den Dardanellen wurden 1964 fast völlig vertrieben. Doch konnte Bartholomaios in den letzten Jahren für eine grössere Zahl von ihnen die Rückkehr erreichen, verlassene Kirchen erneuernund Schulen wieder eröffnen.

Die Einsetzung des zuvor in Izmir, Istanbul und Bursa bewährten Bischofs Kyrillos als neuer Metropolit von Imbros sichert den Fortgang dieses Wiederaufbaus. Der bekann mutige Oberhirte äußerste sich auch gleich nach seiner Inthronisierunim griechischen TV-Mega zur „Moscheeisierung“ der Hagia Sophia durch Erdogan: „Die Hagia Sophia ist eine Idee, sie lässt sich nicht auf vier Wände beschränken. Sie wohnt in unseren Herzen, in unserer Seele!“

In Istanbul stellen sich inzwischen Fachleute die Frage, wie es mit der Hagia Sophia als Moschee mit den bisherigen Restaurierungsarbeiten des Amerikanischen Archäologischen Instituts unter dem Schutz der UNESCO weitergehen soll. „Wie können weitere Mosaiken und Fresken gerettet werden, wenn die schon freigelegten wieder bedeckt und durch islamische Symbole ersetzt werden?“, fragt sich der Historiker Yani Yigurci. Außerdem drohe das riesige Bauwerk früher oder später einzustürzen, wenn nicht weiter an seiner Statik von internationalen Experten gearbeitet werden dürfe.

Minas Vasileiadis, Herausgeber von Istanbuls einziger von früher 20 übrig gebliebenen Tageszeitung „Apogevmatini“ (Nachmittagsblatt), hält die Moscheeisierung der Hagia Sophia für einen „Angstschuss Erdogans, um sich selbst Mut zu machen“. Die Türkei stehe vorpolitischem oder wirtschaftlichen Zusammenbruch, „ich kann nicht abschätzen, wer von beiden früher erfolgt“. Das Land bekomme kaummehr Auslandskredite, auch vom Tourismus sei in diesem Sommer nach Corona wenig zu erwarten. Die Kosten von Erdogans militärischen Abenteuern in Syrien und jetzt auch Libyen stiegen ins Uferlose. „Wie ein Alchimist versucht sich Erdogan darin, Gold zu machen, mit derivativen Finanzexperimenten den drohenden Staatsbankrott hinauszuschieben.“ Da komme der frische Halbmond über der Sophienkirche als spektakuläres Ablenkungsmanöver gelegen!

Im Istanbuler Phanar, in den Patriarch Bartholomaios I. am 20. Juli zurückgekehrt ist, werden mit Genugtuung weitere Unterstützungserklärungen für ein Verbleiben der Hagia Sophia als Museum von orthodoxen Schwesterkirchen vermerkt, die in anderen Fragen mit dem Ökumenischen Patriarchat in Konflikt sind. So dieVerurteilung des Vorgehens von Präsident Erdogan durch Patriarch Johannes X. von Antiochia und zuletzt auch den Heiligen Synods der Russischen Orthodoxen Kirche. Enttäuscht zeigt man sich hingegen darüber, dass der Moskauer Regierungssprecher Dimitri Peschkow die Hagia-Sophia-Frage als innere Angelegenheit der Türkei bezeichnete und noch zynisch hinzugefügte hat, dass die neue Moschee den russischen Touristen keinen Eintritt wie das Museum abverlangen wird.

Regelrecht in den Rücken falle dem Phanar der russische Duma-Abgeordnete Sergei Gavrilov mit seiner Forderung, die russischen Kirchen in Istanbul an Moskau zurückzugeben. Bei diesen handelt es sich um drei Kapellen in Niederlassungen von russischen Klöstern und Skiten auf dem Athos, die zwar von Russen gegründet wurden, aber dem Ökumenischen Patriarchat unterstehen. Gerade jetzt, wo die Hagia Sophia zum zweiten Mal in ihrer Geschichte weggenommen wird, sei es russische Unverfrorenheit, die Frage dieser Pilgerkirchen im Hafen von Istanbul hochzuspielen.

Als wichtigen Rückhalt werten Kreise des Phanars die positiven Äusserungen zur Rettung des Hagia-Sophia-Museums durch Kirchenführer außerhalb der Türkei, deren Exponenten dort eine„unterwürfige Haltung“ gegenüber Erdogan eingenommen hätten. Das betrifft zunächst den gesamtarmenischen Katholikos Karekin II. Aus Etschmiadzin im freien Armenien verurteilte er das türkische Vorgehen mit Moscheeisierung der Hagia Sophia als „Verletzung der Rechte der religiösen Minderheiten“ und ließ die griechisch-orthodoxen Brüder wissen, dass er ihren Schmerz und ihre Verunsicherung teile.“Zuvor hatte der Patriarch der türkischen Armenier, Sahak II., die Wiederherstellung eines sakralen Charakters der Hagia Sophia begrüsst, wenn auch mit dem irrealen Vorschlag ihrer Doppelfunktion als Moschee und Kirche verbunden.

Ähnliches tat inzwischen auch der römisch-katholische ApostolischeVikar von Anatolien, der Jesuit Paolo Bizetti. Aus seinem Amtssitz in Iskenderun sprach er die Hoffnung aus, dass „auch Christen künftig eine Gebetsmöglichkeit in dem als kaiserliche Kirche errichteten Gotteshaus eingeräumt wird.“ Allerdings sei für ihn die Umwidmung der Hagia Sophia zur Moschee „nachvollziehbar“, wie in Rom der katholische Pressedienst SIR berichtet. Dieses „Verständnis“ für die Moscheeisierung des Gotteshauses empört in Istanbul orthodoxeChristen. Sie verweisen darauf, dass die ersten Eroberer und Umwidmer der Hagia Sophia lang vor den Türken 1204 Kreuzfahrer römisch-katholischer Konfession waren.

Umso mehr wird jetzt die gemeinsame Erklärung des orthodoxen US-Erzbischofs Elpidoforos Lambriniadis mit seinem katholischen Amtsbruder in New York Timothy Kardinal Dolan, begrüßt. Beide erklärten sich solidarisch für das Weiterbestehen der Hagia Sophia als Ort der Andacht aller und Museum für alle.

Nicht einmal in der islamischen Welt findet Erdogans Schritt allgemein Zustimmung. Die führende arabische Tageszeitung „Al-Ahram“ (Die Pyramiden) lässt aus der Feder ihres Chefanalytikers Hani Ghoraba wissen: „Die Umwandlung der Hagia Sophia dient Erdogan wohl dazu, seine islamistischen Anhänger zu mobilisieren .

Dennoch ist es wahrscheinlich, dass es international einen politischen Preis zu zahlen geben wird, während Erdogan langsam ausrottet, was von der säkularen Türkei übriggeblieben ist.

 

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