Bartholomaios I.: Dem Kirchenfrieden in der Ukraine näher Autokephale Kirche gestärkt

 

Kluft zu Moskau nicht vertieft

 

Von Heinz Gstrein

Istanbul. Am Beginn zum fünftägigen Besuch des Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel in der Ukraine stand nach seinem Eintreffen in Kiew und der Begrüßung durch den „autokephalen“ Metropoliten Epifanij Dumenko gleich am Abend des 20. August ein Treffen mit Präsident Wolodymyr Selenskyj samt anschließendem Festbankett. Das heutige Staatsoberhaupt ist mit Bartholomaios I. zwar nicht eng befreundet wie sein Vorgänger, der Süßwarenproduzent Petro Poroschenko, von dem der ganze Phanar mit Schokolade versorgt wurde. Der gläubige Orthodoxe Poroschenko war auch die treibende politische Kraft für die Errichtung der ukrainischen Autokephalkirche durch Konstantinopel, während sich Selenskkyj als areligiös bezeichnet und weder Autokephalen noch Moskautreuen oder auch Griechisch-Katholischen den Vorzug gibt. Auch als ihr Freund hatte der vorletzte Präsident gegolten. Aber auch der jetzige weiß das Ökumenische Patriarchat als Stütze der politischen ukrainischen Interessen Russland gegenüber zu schätzen und hat Bartholomaios deshalb auch zum 20. Unabhängigkeitstag von Moskau am 24. August als Staatsgast eingeladen. Der Patriarch ergriff die Gelegenheit, der von ihm kreierten Autokephalen Orthodoxen Kirche der Ukraine seine erste Pastoralvisite abzustatten.

 

 

 

Diese begann am Morgen des 21. August mit einer Doxologie (Tedeum) in der „goldkuppeligen“ Michaelskathedrale. Dieser Kirche aus dem frühen 12. Jahrhundert war als erster die Kuppel vergoldet wurde, was später in ganz Osteuropa Nachahmung fand. Stalin ließ das Gotteshaus sprengen, die postkommunistische Ukraine baute es wieder auf und übergab es dem Wegbereiter der ukrainischen Eigenkirchlichkeit, Filaret Denisenko, als Sitz seines „Kiewer Patriarchats“. Dessen Bischöfe, Klerus und Volk bilden seit 2019 den Hauptbestand der neuen Autokephalkirche. Beim Eröffnungsgottesdienst seines Besuches unterstrich Bartholomaios I. die über elfhundertjährige kirchliche Zugehörigkeit der Ukraine zu Konstantinopel. Deren dreihundertjährige Einverleibung in die russische Kirche von 1686 bis zum Ende der Sowjetunion sei nur aus „weltlichen Beweggründen und mit staatlicher Macht“ erfolgt. Anschließend fand ein Arbeitsgespräch des Ökumenischen Patriarchen mit Metropolit Epifanij in dessen Amtsräumen im Michaels-Kloster statt, an dem auch Vertreter beider Kirchen teilnahmen. Dabei kam auch der Wunsch der Autokephalen Orthodoxen Kirche der Ukraine zur Sprache, in nicht zu ferner Zukunft zum Patriarchat erhoben zu wercden. Dann erwies der Ökumenische Patriarch am „Holodomor“-Denkmal vor dem Michaelskloster jenen seine Ehre, die ihr Leben für eine freie Ukraine gelassen haben oder in der großen, von den Kommunisten gesteuerten Hungersnot der 1930er Jahre umgekommen sind.

 

 

 

Der weitere erste Tag des Ökumenischen Patriarchen in Kiew war reich mit Terminen befrachtet, doch schützte der über 80Jährige, noch dazu sichtlich von schwerer Erkältung Geplagte keine Müdigkeit vor. So begab er sich ins ukrainische Parlament, die Verkhovna Rada, um ihrem Präsidenten Dmytro Razumkov seine „feste Position“ zur territorialen Unverletzlichkeit der Ukraine darzulegen. Razumkov danke und erläuterte, dass Russlands militärisches Vorgehen in der Ostukraine auch Menschenrechtsverletzungen beinhalte, die keiner religiösen Führungspersönlichkeit gleichgültig sein können. Beide erörteterten auch Umweltfragen, die dem „grünen“ Patriarchen Bartholomaios besonders am Herzen liegen. Verlassen musste die „Rada“ allerdings durch die Hintertür, da das Hauptportal von prorussischen Demonstranten besetzt war. Eine auf rund 10 000 Teilnehmer geschätzte Menschenmenge skandierte Anti-Bartholomaios- und Anti-Autokephalie-Parolen, hielten Spruchbänder und Plakate mit Aufschriften wie „Kirchenräuber, gib uns 500 Gotteshäuser zurück!“ oder „Bannfluch über die autokephalen Kirchenspalter“ hoch. Es waren dabei kaum Geistliche im Ornat, sondern weltlich Gekleidete zu sehen. Hauptorganisator war die Laienorganisation „Miriani“ (Weltliche) der Moskau unterstehenden „Autonomen“ Ukrainischen Orthodoxen Kirche. Ihr Metropolit von Kiew, Onufrij Berezovskij, soll das Fernbleiben aller Kleriker von den Kundgebungen gegen den Ökumenischen Patriarchen angeordnet haben, um nicht „Kirche gegen Kirche“ auf die Straße zu bringen.

 

 

Keinen leichten Gang hatte Bartholomaios zum Gastgeber seiner letzten Kiewreise von 2008, dem damaligen ukrainischen Präsidenten Wiktor Juschtschenko. Er hatte den Patriarchen schon damals mehrmals und noch einmal unmittelbar vor dessen Abflug gedrängt, zumindest ein Zeichen in Richtung Autokephalie zu setzen. Das blieb jedoch aus, was nicht unerheblich zur folgenden Wahlniederlage von Juschtschenko 2010 beitrug. Er fühlte sich erst recht vom Phanar hinters Licht geführt, als Konstantinopel einem Poroschenko genau jene Autokephalie gewährte, um die ihn Juschtschenko vergeblich gebeten und sich damit auch politisch durch seine Erfolglosigkeit belastet hatte. Jetzt war es an Bartholomaios, seinen ersten Verhandlungspartner in Kiew aufzusuchen und ihm die Gründe für sein damaliges autokephales Zaudern zu erklären. Diese wurden auch parallel auf die Website „Phos Phanariou“ gestellt und lesen sich durchaus verständlich: Bartholomaios hoffte 2008 immer noch, die „ukrainische Frage“ vor die von ihm geplante „Große Synode der Orthodoxie“ zu bringen und dort einvernehmlich mit dem Patriarchat Moskau zu lösen. Dieses Ziel wollte er bei seiner ersten Kiewreise nicht durch einseitiges Vorpreschen mit Juschtschenko vereiteln. Als aber dann die Russische Orthodoxe Kirche eine Streichung des Kapitels „Autokephalie“ aus dem Themenkatalog des Konzils durch setzte und dieses 2016 sogar boykottierte, ging der Ökumenische Patriarch zur Ukraine in die Offensive.

 

 

Zwischen alledem fand Bartholomaios noch Zeit für ein Essen beim griechischen Botschafter Vassileios Bornovas, einem guten Bekannten aus dessen Zeit als Generalkonsul in Istanbul. Er setzt sich nun in Kiew mit für die Belange des Phanars ein. Kirchlich vertreten werden diese durch ein „Exarchat“ – eine Art orthodoxe Nuntiatur, die unter des Leitung des rührigen Bischofs von Komana, Michail Anischenko, steht. Er hat an der Andreas-Kirche seinen Sitz, die von 1990 an Kathedrale der so genannten „alten Autokephalkirche“ war, die bis in die 1920er Jahre zurückgeht und heute das zweite Glied der neuen „autokephalen“ Kirche darstellt. 2018 wurde der Kirchenkomplex dem Ökumenischen Patriarchat noch unter Präsident Petro Poroschenko zur Nutzung übergeben. Er nahm mit seiner Frau auch am Abendgottesdienst in der barocken Andreas-Kirche teil, die wegen der Leichtigkeit ihrer Architektur auch „fliegende Kirche“ genannt wird.

 

 

Die moskautreuen Ukrainer scheinen mit dieser „Kirchenverschleuderung“ an den Phanar, zu der angeblich während des Patriarchenbesuches noch weitere historische Gotteshäuser und Klöster kommen sollten, größere Probleme als mit der Autokephalie als solcher zu haben. Das geht jedenfalls aus Fragen hervor, die dem Pressesprecher von Bartholomaios, Nikos Papachristou, gestellt wurden. Auch die Tatsache, dass es sich bei dem Exarchen um keinen „waschechten“ Ukrainer handle, sondern er aus dem westlichen Exil kommt, wurde dabei hochgespielt. Die Autokephalie selbst dürfte auch im Moskauer Lager Zuspruch finden, wenn nur dafür auch ein Übereinkommen mit der russischen Kirche erzielt wird.

So fanden sich auch zum Höhepunkt des kirchlichen Teiles vom Staatsbesuch des Ökumenischen Patriarchen am 22. August mit einem Hochamt unter freiem Himmel vor dem berühmten Kiewer Sophiendom sichtlich nicht nur Mitglieder der autokephalen Kirchengemeinschaft ein. Die Menge war unüberschaubar, unzählbar die zur Übertragung im Ersten Programm des Ukrainischen Staatsfernsehens einlaufenden Teilnahme- und Unterstützungserklärungen auf Facebook. Beifall brandete auf, als in der ukrainischen Übersetzung der Predigt von Bartholomaios zu hören war, dass auch die Moskauer Orthodoxie ihren Platz in der Ukraine habe, und der Patriarch „allen, ohne Ausnahme“ seinen Segen erteilte. Beobachter waren noch vor Ende dieser „Konstantinopler Friedensmission“ in die Ukraine überzeugt, dass sie die Position der unabhängigen orthodoxen Kirche festigen konnte, ohne den Gegensatz zu den Anhängern Moskaus zu verschärfen oder zu vertiefen.

 

Foto: Nikos Papachritou – Ecumenical Patriarchate