Von der „Zeit der Orden“ zu einem „Ende der Orden“?

 

Kritische orthodoxe Bemerkungen zu Berufungsmangel und Missbrauch an katholischen Klöstern und Schulen

Von Heinz Gstrein

Istanbul. Einer der besten orthodoxen Kenner und aufmerksamsten Beobachter von Entwicklungen in der katholischen Kirche, der bisherige Metropolit Athanasios Papas von Chalzedon (Kadiköy), befasste sich auch mit den Missbrauchsvorwürfen gegen Ordensangehörige und dem Schwinden monastischer Berufungen. Zwischen beiden Symptomen sieht er „im entchristlichten Europa und darüber hinaus“ einen inneren Zusammenhang.

Als ihre gemeinsame Basis betrachtet der Metropolit, der im Rang bis zu seiner abrupten Absetzung am 16. Februar gleich hinter Patriarch Bartholomaios I. kam, einen Zeitgeist, dem jedes radikale Leben nach dem Evangelium fremd geworden ist. Gleichzeitig vollziehen sich „viele verdorbene sexuelle Akte mittlerweile penetrant und unverhüllt als Menschenrecht“. Dennoch verwahrt sich Papas gegen Vorwürfe der Homophobie: „Man glaube nicht, ich tadle die schönen Hinterteilen Zugeneigten, die es seit dem Altertum immer gegeben hat. Gott möge über sie urteilen, da die Ursachen ihres Problems vielfältig und oft unergründbar sind. Es genügt vielleicht, wenn sie nicht provozieren“.

In seinem längeren, bebilderten Blog unter dem Titel „Beugt euch, ohne zu fallen!“ auf der Site „Phos Phanariou“ (Licht des Phanars) vom 8. Februar erinnert Metropolit Athanasios, der nach seinen Studien von Chalki in München promoviert hat, an das hoffnungsvolle Buch „Zeit der Orden? Zur Mystik und Politik der Nachfolge“ des Rahnerschülers Johann Baptist Metz. Sein Erscheinen 1977 hatte einen Begeisterungssturm für jene Lebensform ausgelöst, die bestgeeignet sei, in der Nachfolge Jesu „Mystik und Politik“ zu verbinden. Den Orden wohne eine „anarchische Kraft“ inne, um zum Stachel für eine geruhsame, bürgerliche und manchmal kraftlose Kirche zu werden.

Heute jedoch müsste dieses Buch – so Athanasios Papas – den Titel „Ende der Orden“ tragen: Es vergehe kein Jahr, in dem nicht eine katholische Ordensgemeinschaft aus Mangel an Mitgliedern erlischt. Viele Klöster sind auf Kommunitäten von nicht mehr als zehn Mönchen geschrumpft, von ihnen mehr als zwei Drittel über 75 Jahre alt: „Gewaltige und ehrwürdige Bauten, die einst überströmend erfüllt waren von klösterlichem Leben und Kultur, stehen leer wie gespenstische Kulissen, werden vermietet oder an andere abgetreten, wechseln ihren Zweck und Charakter.“

Metropolit Athanasios warnt aber vor einer übereifrigen Kampagne an Beschuldigungen gegen katholische Bischöfe, die zu wenig gegen den offensichtlich weit verbreiteten Missbrauch getan oder diesen sogar verschleiert hätten. Er erinnert daran, dass die meisten Orden und Kongregationen bischöflicher Aufsicht entzogen sind. Für ihre, wo auch immer gelegenen Niederlassungen ist das „ferne“ Rom zuständig. Außerdem seien von den z.B. in Deutschland des sexuellen Missbrauchs beschuldigten 654 Ordensangehörigen 522 längst verstorben, 37 hätten die Gemeinschaft verlassen, so dass nur noch 95 kirchlich zur Rechenschaft gezogen werden können. Die einschlägigen Ermittlungen werden aus Rom mit Fragebogen durchgeführt, die nicht zwischen sexueller Gewalt und Belästigung unterscheiden und keine näheren Tatbestände einfordern. Wie soll da ein ohnedies abseits gestellter Bischof zurecht kommen, fragt sich der Metropolit von Chalzedon…

In den orthodoxen Kirchen gab es Missbrauchsvorwürfe in geringerem Ausmaß zur Zeit der Überlebenskrise ihres Mönchtums vom 19. bis ins späte 20. Jahrhundert. Als der Heilige Berg Athos mit seinen 20 Klöstern und zahlreichen Einsiedeleien in den 1960er Jahren weniger als 1000 Mönche zählte, war auch sexueller Missbrauch von minderjährigen Novizen bezeugt. Heute hingegen herrscht in der Orthodoxie neue monastische Blüte mit starken, sittlich hochstehenden Kommunitäten. Eine derartige Wende zum Guten wünschte Athanasios Papas auch den katholischen Orden kurz bevor er – wegen dieses Artikels – abgesetzt wurde…