Trauriges Atatürk-Gedenken

 

Europa wird für die Türkei vom Vor- zum Feindbild

 

Von Heinz Gstrein

Die Beute von Populismus, Rassismus und Muslimhass sei Europa geworden, behauptete Anfang der Woche Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu in Antalya an der türkischen Riviera. Schauplatz war ein Treffen für „Südosteuropäische Zusammenarbeit“. Die Türkei hatte dazu die ebenfalls außerhalb der EU stehenden Staaten Serbien, Bosnien, Kosovo, Albanien und Nord-Mazedonien eingeladen. Eine gewisse Osmanennostalgie am Balkan und neue politislamische Bande sollen zur EU einen Gegenpol unter der Führung von Ankara, d.h. von Recep Tayyip Erdogan, zusammenschmieden.

Für immer vorbei scheinen die Zeiten, als sich die moderne Türkei unter Führung von Kemal Atatürk vorrangig um Europäisierung bemühte. Am Dienstag wurden zwar wieder Trauerfeiern zum 82. Todestag dieses „Vaters der Türken“ am 10. November 1938 veranstaltet, doch dabei lediglich hohle Lippenbekenntnisse heruntergeleiert. Erdogan hat es in den noch nicht 20 Jahren seiner Herrschaft fertig gebracht, das Lebenswerk Atatürks zu vernichten: Dessen großartige Befreiung der türkischen Frauen aus der Enge des häuslichen Harems und einer fast gänzlichen Verhüllung an der Öffentlichkeit, ihrem Ausschluss von Bildung und Beruf und erst recht von politischer Mitbestimmung ist inzwischen wieder in jeder Hinsicht rückläufig.

Die Korruption des Führungsclans, Misswirtschaft und militärische Abenteuer, Massenverhaftungen und Entlassungen von Regimegegnern haben das türkische Volk ins Elend gestürzt. Der von Erdogan diktierte Führungswechsel bei der türkischen Notenbank und der Rücktritt seines Schwiegersohns Berat Albayrak als Wirtschaftsminister am Wochenende haben zwar den Inflationsdruck auf die türkische Lira und ihren Kursverfall dem US-Dollar gegenüber vorerst gebremst. Das dürfte aber nur vorübergehend mit dem amerikanischen Führungsvakuum zwischen Donald Trump und Joe Biden zusammenhängen.

Unter den afro-asiatischen Migranten, die aus der Türkei über die Ägäis in kaum seestüchtigen „Seelenverkäufern“ das gelobte Euroland ansteuern, finden sich immer mehr waschechte Türken auf der Flucht vor den Zuständen unter Erdogan. So wurden zuletzt auf dem in griechischen Gewässern aufgegriffenen Fischkutter „Nemo“ unter 65 Flüchtlingen 20 außer Dienst gestellte Polizisten, zehn Angehörige der verfolgten kurdischen Minderheit, ein Abgeordneter, ein Polizist und mehrere Uni-Professoren ausgemacht.

Lang konnte die Bevölkerung von ihren wachsenden Nöten auf die kriegerischen Mitverwicklungen der Türkei in Syrien. Libyen und Karabach sowie das Auftrumpfen im Mittelmeer, das Erdogan als unsere „Blaue Heimat“ samt allen Meeresbodenschätzen wie vor allem Erdgas in Anspruch nimmt, abgelenkt werden. Inzwischen hat es aber an allen Fronten nichts wie Rückschläge gegeben und auch im Südkaukasus lässt der verheißene rasche und große Sieg über den armenischen Erbfeind auf sich warten. Immer öfter werden bei den von Erdogan so geliebten Bejubelungskundgebungen auch kritische Stimmen laut, die auf ausufernde Not des kleinen Mannes in der Türkei, den Luxus des Präsidentenpaares hinweisen. Der Staatschef hat begonnen, an Menschen, die nach Brot rufen, Teepäckchen auszuteilen: „Das wärmt den hungrigen Magen!“, fertigte er den verzweifelten Busfahrer Mesut Ince ab. Während Türkinnen und Türken zum Boykott von Produkten der französischen „Islamfeinde“ aufgerufen sind, zeigt sich First Lady Emine in Mode von Dior und Chanel.

Nach dem verheerenden Erdbeben von Izmir vertröstet Erdogan die Betroffenen mit einem „Kentsel dönüsüm“, einem gegen jede Einsturzgefahr gefeiten Stadtumbau. Damit verheißt er aber das Blaue vom Himmel herunter, während der Bau neuer Präsidentenpaläste üppig mit einem fast um das Dreifache aufgestockten Budget üppig vorangeht.

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