Tigray im Ungewitter. Alter Streit zwischen Äthiopiens Führungsnationen

 

Von Heinz Gstrein

Äthiopiens rebellischer Bundestaat Tigray lag am Dienstag im Bombenhagel der Luftwaffe von Addis Abeba. Tags zuvor war dort das Ultimatum von Premier Abiy Ahmed zu ihrer völligen Unterwerfung abgelaufen. Jetzt hat er eine „Endphase des Disziplinierung“ des äthiopischen Nordens verkündet. Inzwischen eskaliert das Ringen zwischen der Zentralregierung und den politisch-militärischen Kräften von Tigray nicht nur in die Nachbarregion Amhara hinein. Auch über die Grenzen hinweg werden Eritrea und Sudan involviert. Vergeblich die Befriedungsbemühungen anderer afrikanischen Staaten bei Abiy Ahmed.

Bei dem Konflikt handelt sich in erster Linie um einen Machtkampf zwischen ihm und seinem alten Gegenspieler Debretsion Gebremichael. Dessen „Volksbefreiungsfront von Tigray“ (TPLF) war bis 2018 auch stärkste Partei der Führung in Addis Abeba, die das ostafrikanische Land seit Äthiopiens Wende von 1991 regiert hatte. Die militärische Auseinandersetzung von heute ist auch ein Ringen der Tigray (Tigreaner) als ältestes äthiopisches Staats- und Kulturvolk mit den später führenden Amharen und zuletzt auch Oromo, die früher als Galla bekannt waren.

Die TPLF wurde 1974/75 als kommunistische Revolutionsbewegung gegründet, trat aber nach dem Sturz von Kaiser Haile Selassie in Opposition zu den Genossen der Zentralregierung „Derg“ und der von ihnen 1987 ausgerufenen Demokratischen Volksrepublik Äthiopien. In den von ihr kontrollierten Gebieten konnte sich die TPLF dank Bodenreform und Frauenemanzipation feste Anhängerschaft sichern. 1989 war fast ganz Tigray in ihrer Hand – vom Kommunismus hatte sie sich zugunsten eines sozialdemokratischen Konzepts abgesetzt. 1991 stürzte sie zusammen mit amharischen und Oromo- Befreiungsbewegungen in Addis Abeba das linksradikale Terrorregime von Mengistu Haile Mariam. Mit ihren Verbündeten bildete die im Land kurz „Weyane“ genannte TPLF die „Sammelpartei Revolutionäre Demokratische Front der Äthiopischen Völker“ (EPDRF). In dieser behielt sie die Führung, stellte mit Meles Zenawi bis zu dessen Tod 2012 den äthiopischen Ministerpräsidenten.

Aber erst 2018 gelangte der Oromo-Politker Abiy Ahmed an die Spitze. Der inzwischen als „Friedenspremier“ mit Eritrea, Nobelpreisträger von 2019 und Vermittler bei der Demokratisierung im Nachbarstaat Sudan gehandelte Abiye ist trotz seines – vom Vater herrührenden – Familiennamens Ahmed evangelischer Christ. Sein jetziger Krieg gegen die in Tigray an der Macht gebliebene TPLF geht bis auf religiöse Spannungen im Jahr 2017 zurück. Abiy Ahmed war schon damals mächtiger Generalsekretär der Demokratischen Organisation des Oromovolkes (OPDO), als der Bundesstaat Tigray ein Versammlungsverbot christlicher Denominationen außerhalb von staatlich genehmigten Kirchengebäuden einführte. Damit wurden kleinere, vor allem evangelikale Gemeinden unterdrückt. Die Regionalregierung in Makelle wollte damit der Äthiopischen Orthodoxen Kirche einen Gefallen erweisen – bei Abiy Ahmed fiel sie schon damals in Ungnade.

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