Zweites Emirat der Taliban Interessenpartner des Westens?

 

Oder Afghanistan wieder als Hochburg globalen Muslimterrors

 

Von Heinz Gstrein

Als „Zu schön, um wahr zu sein“ beurteilt die neue Anti-Taliban-Koalition in Afghanistan deren erste Beschwichtigungs-Pressekonferenz im verwaisten Präsidentenpalast von Kabul. Es sind das nationale, aber islamistenfeindliche Kräfte, die sich im Pandschir-Tal um den gleichnamigen Sohn des legendären „Kriegsherren“ Ahmad Massud sammeln. Sie verweisen darauf, dass die Taliban ungeachtet ihrer „Versöhnungsbotschaft“ und des Stillhaltens in Kabul vor den TV-Augen der Welt in Provinzen bereits gegen Andersdenkende vorgehen und aus den wiedergeöffneten Ämtern die weiblichen Angestellten nach Hause schicken.

Anderswo scheinen schwer bewaffnete Taliban-Kämpfer, die in eroberten Vergnügungsparks mit geradezu kindlicher Freude Autodroms und Achterbahnen probieren, dem Aushängbild von einer freundlichen zweiten Generation der Bewegung zu entsprechen, die in den 1990er Jahren ganz Afghanistan in Schrecken versetzt hatte. An diesen Wandel glauben wollen jene Vertreter des gestürzten prowestlichen Regimes, die jetzt mit den Taliban über einen wenigstens kleinen Überlebensanteil an der neuen politislamischen Ordnung verhandeln.

Andererseits kommt diese zweite Herrschaft der Taliban in Afghanistan den US- und europäischen Interessen in der Region gar nicht so ungelegen. Zum ebenso islamistischen wie prowestlichen Pakistan unterhalten sie beste Beziehungen. Ohne pakistanische Unterstützung wären ihr einstiger und jetziger Siegeszug bis Kabul gar nicht möglich geworden. Die Feinde der Taliban finden sich hingegen allesamt im Lager der Gegner von USA und EU: Das gilt für die Islamische Republik Iran, welche die erzsunnitischen Taliban wegen ihrer Schiitenverfolgung als ebensolche Teufel wie Amerikaner und Israelis einstuft. Auch wäre es dem Westen nicht unwillkommen, wenn ein re-slamisiertes Afghanistan Vladimir Putin Richtung einst sowjetischer Muslimrepubliken bis hin zum Kaukasus in den Rücken fällt. Auch China muss jetzt die Taliban als aggressive Nachbarn zu seinen Muslim-Uiguren fürchten und betont daher als erstes sein Interesse an freundschaftlichen Beziehungen.

Hauptsorge von Ost und West gilt aber einer Gefährdung des Weltfriedens wie damals, als sich in Afghanistan das globale Terrornetz von Ben Ladens Al-Kaida eigenistet hatte. Eine ganze Generation Aufmüpfiger in der Muslim-Welt hält jetzt dem im Irak und Syrien bankrott gegangenen „Islamischen Staat“ (IS) weiter die Stange. Ihr käme es nur gelegen, mit den afghanischen Taliban international gemeinsame Sache zu machen.