Moskaus afrikanisches Abenteuer

 

Retourkutsche für ukrainische Autokephalie in Schwierigkeiten

 

Von Heinz Gstrein

Alexandria. Mit seinem Eindringen in das kanonische Territorium der alexandrinischen Schwesterkirche dürfte das Moskauer Patriarchat den Bogen seiner Feindseligkeit gegen alle Befürworter der ukrainischen Autokephalie überspannt und seinem Standpunkt bisher wohlgesinnte Kirchenführer vor den Kopf gestoßen haben. Zum Jahresanfang herrschte nach Errichtung einer gesamtafrikanischen Jurisdiktion (Exarchat) der Russischen Kirche (öki 1 vom 4.1.22, Seite 6-7) von Seiten der ganzen orthodoxen Kirchenfamilie betretenes Schweigen zu diesem unerhörten Vorgehen. Sogar das direkt betroffene Patriarchat von „Alexandria und ganz Afrika“ ließ es bei „Bekundung von tiefem Schmerz“ bewenden, Patriarch Theodoros II. zeigte sich persönlich enttäuscht von den langjährigen russischen Freunden. Er hatte 1985 bis 1990 sein Wirken als ständiger alexandrinischer Vertreter beim Patriarchat Moskau mit damaligem Sitz in Odessa auch zum Studium der russischen Sprache, Literatur und Philosophie verwendet und war den Russen – doch auch Ukrainern – menschlich recht nahe gekommen. Was ihn nicht hinderte, dann aus kirchenpolitischen Erwägungen, wenn auch zögernd, die Gemeinschaft mit dem neuen, von Moskau unabhängigen (autokephalen) Metropoliten Epiphanij von Kiew aufzunehmen. Dafür soll ihn jetzt der Griff der Russen nach der orthodoxen Afrikamission bestrafen, wo Theodoros zwischen 1997 und 2004 in Kamerun, Zimbabwe, Angola, Mosambik und Botswana gewirkt hatte.

Die erste kritische Stimme zu Moskaus Vorgehen erhob sich erst am 6. Januar mit Erzbischof Chrysostomos II. von Zypern. Bei der traditionellen Wasserweihe in Larnaka bezeichnete er die russische Störaktion in Afrika als „größten Fehler von Patriarch Kyrill“.  Das Gewicht dieser Positionierung schien aber zunächst durch die Existenz einer starken prorussischen Bischofsgruppe im zyprischen Episkopat gemindert. Bis Moskaus eifrigster Wortführer auf Zypern, Metropolit Isaias Georgakis von Tamasou, sich auch vom einseitigen Russen-Vorstoß nach Afrika distanzierte, wenn er ihn auch als „Nebenwirkung“ der Vorgänge in der Ukraine entschuldigte. Isaias, der ganz von fast zehnjährigen Studium in Moskau geprägt ist und seine Bischofsstadt Lakatamia bei Nikosia mit Zwiebelkuppeln, russischen Fresken, Ikonen und sogar Geistlichen in ein „kleines Russland“ verwandelt hat, erklärte nun aber den von den Russen exkommunizierten Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. als einzigen, der zuständig und auch imstande sei, dem drohenden Zerfall der Orthodoxie Einhalt zu gebieten. Das festigte auch die Stellung von Zyperns Erzbischof, der darauf erklärte, er habe sich mit dem Ökumenischen Patriarchen und jenem von Alexandria auf gemeinsame Entgegnungsschritte geeinigt. Es sei aber noch nicht an der Zeit, diese zu verlautbaren.

Jedenfalls trat am 10. Januar die alexandrinische Synode (Bischofskonferenz) zusammen, um eine gebührende und wirksame Reaktion auf die russische „Afrika-Offensive“ zu beschließen. Den diesbezüglichen Antrag hat Metropolit Grigorios Stergiou – früher orthodoxer Pfarrer in Rom – vorbereitet, der in seinem Missionsbistum Kamerun schon selbst Erfahrungen mit russischen Umtrieben unter seinen schwarzafrikanischen Klerikern gemacht hat. Der Beschluss, wie die alexandrinische Orthodoxie auf Moskaus „Exarchat Afrika“ reagiert, wurde für den Abend angekündigt.

Jedenfalls sollte sich die Synode am 11. Januar, ihrem zweiten Sitzungstag, mit einer besseren Besoldung des Missionsklerus befassen. Nach in Alexandria vorliegenden Berichten haben russische „Agenten“ den wirtschaftlich schwachen einheimischen Priestern und Diakonen verlockende finanzielle Angebote gemacht, wenn sie sich statt Alexandria dem neuen Moskauer Exarchat und seinen Bischöfen  unterstellen.

Parallel zur alexandrinischen Bischofskonferenz hat Patriarch Bartholomaios I. den Konstantinopler Synod für 11. bis 13. Januar einberufen. Nach Verlautbarung des Phanars soll dabei ein neuer Erzbischof für die „halbautonome“ Kirche von Kreta gewählt werden. Beherrschendes Thema dürfte aber die „kirchliche Infiltration“ der Russischen Orthodoxen Kirche in Afrika werden.

Der ehemalige, langjährige Vize-Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) in Genf, Georgios Laimopoulos, warnt in einer Stellungnahme unter dem Titel „Ein Problem Russlands oder der Orthodoxie?“ davor, dass die Rivalität von zwei orthodoxen Jurisdiktionen die Afrika-Mission, diese „Hoffnung und Zukunft der Orthodoxie“ in den Ruin stürzen müsste. Er forderte Anastasios Giannoulatos, den führenden orthodoxen Missionswissenschaftler, einstigen Glaubensboten in Ostafrika und heute als postkommunistischer Erzbischof von Tirana „Vater der albanischen Neuevangelisierung“ auf, in dem Streit seine Kompetenz in die Waagschale zu werfen.

Der frühere orthodoxe Missionsmetropolit in Daressalam ließ sich nicht lange um seine Stellungnahme „Die Spaltung von der Ukraine bis nach Afrika“ bitten. Darin führt er aus, dass die Zeit kirchliche Zerwürfnisse nicht einfach heile. Im Gegenteil vertiefen sich ungelöste Probleme und ufern aus. So jetzt beim Ukraine-Konflikt, der sich nun nach Afrika ausgeweitet hat. Anastasios, der zu den entschiedensten Gegnern der vom Phanar durchgezogenen Ukrainelösung gilt, betrachtet die nun von Moskau ergriffenen Vergeltungsmassnahmen als gefährliche Schwächung der Glaubwürdigkeit des orthodoxen Zeugnisses in der Mission: „Künftig werden die Afrikaner von zwei verschiedenen orthodoxen Kirchen umworben, die miteinander in keinerlei Gemeinschaft stehen.“ Es gelte, gesamtorthodox und in synodalem Miteinander die Gefahr einer Zersplitterung und damit extremen Schwächung der Orthodoxie und ihrer Verkündigung abzuwenden, ehe es zu spät ist. Bisher hatte in Afrika unter Leitung des Patriarchen von Alexandria die Orthodoxie einträchtig missioniert, mit besonderer Unterstützung durch die Kirchen von Griechenland und Zypern. Doch auch die Orthodoxen aus dem ehemaligen Ostblock haben sich zu beteiligen begonnen. So Schwestern aus Rumänien, die in Ruanda wirken. Ihre karitativen Tätigkeiten reichen von der Hilfe für Familien, vor allem alleinstehenden Frauen mit Kindern, mit Essen, Kleidung und Schulsachen, über die Bezahlung von Schulgebühren und Krankenversicherungen bis zur Errichtung von Häusern. Das alles im Rahmen der alexandrinischen Afrika-Mission und nicht gegen diese, wie sie nun Moskau angeht.

Der fast schon gesamtorthodoxe Widerspruch, auf den Russlands kirchlicher „Afrika-Feldzug“ stösst, verringert die von Moskau sonst richtig eingeschätzten Schwächen von Alexandrias Kirchenstruktur auf dem Schwarzen Erdteil. Jene Konzilien der alten Kirche, die das Römische Reich säuberlich in fünf Patriarchate eingeteilt hatten, hatten nichts über den Rest der damals noch weitgehend unbekannten Welt beschlossen. Jener Kanon 28 von Chalzedon, der Konstantinopel für Randgebiete außerhalb der Reichsgrenzen zuständig erklärte, wird erst von der neueren Ekklesiologie des Phanars in Sinn einer globalen Jurisdiktion ausgelegt. Als daher der alexandrinische Patriarch Meletios ΙΙ. (1926-1935) die Bezeichnung seines Patriarchats von „ganz Ägypten“ auf „ganz Afrika“ ausweitete, nahm kaum jemand daran Anstoss, auch Konstantinopel, dessen Patriarch Meletios vorher gewesen war, schwieg dazu. Offiziell wurde Afrika aber erst 2001 von Bartholomaios I. an Alexandria abgetreten, als sich die ersten russischen Bestrebungen manifestierten, die dortige Mission unter den Nagel zu reissen.

Moskau hoffte sichtlich auch jetzt, den Vorstoss von Bartholomaios I. und anderer griechischer Patriarchen und Erzbischöfe in die Ukraine ihnen in Afrika als jurisdiktionellem Niemandsland mit zumindest fragwürdiger Zugehörigkeit am leichtesten heimzahlen zu können. Dazu kam, dass die orthodoxe „Mission“- zumindest in ihren Anfängen – nicht in Verkündigung unter den Animisten bodenständiger Naturreligionen, sondern in Abwerbung von bereits geweihten Klerikern anderer christliche Denominationen bestand. Musterbeispiel war jener „orthodoxe Apostel Ostafrikas“, Reuben Spata, der von der anglikanischen Kirche kam, aber auch frühere Presbyterianer mit in die Orthodoxie brachte. Zum Teil waren diese frühen Afro-Orthodoxen von Bischöfen zweifelhafter Ordination (vagantes) geweiht. Auch ganze christlich-afrikanische Mischsekten wurden als orthodox anerkannt.

Heute ist das nicht mehr die Regel, doch gibt es immer noch in der afrikanischen Orthodoxie tiefe Risse und unterschiedliche Praktiken. Davon erhofften sich die Russen jetzt Ansatzpunkte für den nach ihrer Darstellung auch pekuniär anziehenden Wechsel von Alexandria zu Moskau.

Ein Hindernis war sicher schon im voraus die von der Russischen Kirche weltweit praktizierte Uniformität des liturgischen Lebens, mögen auch die verschiedensten gottesdienstlichen Sprachen akzeptiert werden. Zu diesem erschwerenden Faktor droht jetzt eine gesamtorthodoxe Ablehnung des kirchlichen Eindringens der Russen nach Afrika zu kommen. Was eine Erfolgsgeschichte für das Patriarchat Moskau zu werden versprach, könnte nach der neuesten Entwicklung mit einem Fiasko enden.