Ikone von islamischem Christenretter mit orthodoxem Heiligen

 

Von Heinz Gstrein

 Istanbul. Der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. hat am 10. April seines Vorgängers Grigorios V. gedacht, der vor 200 Jahren an der Pforte des Phanars aufgehängt wurde. Die osmanische Obrigkeit hatte ihn im Verdacht, ein Mitwisser und heimlicher Unterstützer des griechischen Befreiungsaufstands von 1821 zu sein. Dabei war er in der von ihm verfassten „Väterlichen Ermahnung“ unter dem Namen des in Istanbul residierenden Jerusalemer Patriarchen Anthimos für Loyalität zum Sultan eingetreten. Bartholomaios würdigte ihn als eine Symbolgestalt des Christus-Mysteriums von Kreuz und Auferstehung: Nur durch Leid und Martyrium könne das Böse besiegt werden. Bei diesem Anlass wurde eine orthodoxe Ikone vorgestellt, auf der ein Muslim als Heiliger abgebildet ist: An der Seite des am 10. April 1921 heiliggesprochenen Patriarchen zeigt sie Halil Efendi, der als oberste islam-rechtliche Instanz im Türkenreich seine Zustimmung zur Tötung von Gregorios und der gesamten orthodoxen Bevölkerung von Istanbul als Vergeltung für die Erhebung der Griechen verweigert hatte. Seit 1819 war der Tscherkesse Halil Efendi 137. osmanischer „Schaich al-Islam“, d.h oberster Richter (Mufti), ohne dessen Billigung kein Todesurteil und schon gar keine Massenhinrichtungen vollstreckt werden durften. Mit seiner Weigerung konnte er am Bosporus ein Christenmassaker verhindern, aber den Patriarchen nicht retten. Er selbst wurde wegen seines Einspruchs auf Befehl von Sultan Mahmud II. (1808-1839) abgesetzt und auf die Ägäis-Insel Lemnos verbannt. Vor dem Abtransport verblutete er jedoch infolge seiner Folterung.- Die ihm und Grigorios V. gewidmete Ikone ist ein Werk des griechischen Theologen-Malers Nikos Kosmidis. In Deutschland wurde er durch seine Ikone des „hl. Alexander von München“ bekannt, die den orthodoxen Mitbegründer der Anti-NS-Widerstandsgruppe „Weiße Rose“, Alexander Schmorell (1917-1943), darstellt.