Griechischer Freiheitskampf ohne Mythos

 

„Held von Kastropyrgos“ entzaubert national-orthodoxes „1821“

Von Heinz Gstrein

2021 steht in Griechenland im Zeichen des vor 200 Jahren begonnenen Befreiungskrieges von der osmanisch-türkischen Herrschaft. Darüber hinaus wird dieses „1821“ auf Zypern, bei den griechischen Minderheiten in der Türkei, Albanien, der Sowjetunion und dem Jugoslawien von einst sowie in einer weltweiten Diaspora gefeiert, auch bei den Deutschlandgriechen: Als Sieg des Griechentums über die Türken, der Orthodoxie über den Islam. Keine griechisch-orthodoxe Kirchengemeinde will bei diesem Jubiläum einer historischen Wende zurückstehen, die schon damals in ganz Europa die Gemüter bewegt hatte. Die für die deutschen „Philhellenen“ zum Kryptogramm ihres eigenen Aufbegehrens gegen Knechtung und Staatsgewalt im Vormärz geworden war.

Nicht zuletzt infolge ihrer Idealisierung der Volkserhebung gegen den Sultan war dann das hundertste Jubiläumsjahr 1921 noch ganz von Glorifizierung des Aufstandes der Balkan- und Inselgriechen bestimmt. Er hatte in zehnjährigem Ringen der Hohen Pforte ein selbständiges Griechenland im Ausmaß des klassischen Hellas abgetrotzt. Ein Jahrhundert danach schien sich dieses Konzept eines Befreiungskrieges auch in der asiatischen Türkei zu bewähren. Diesmal schlug es jedoch fehl, Tod oder Vertreibung von Millionen anatolischen Griechen waren die Folge.

Zum zweihundertjährigen Gedenken an „21“, fehlt es daher nicht an kritischen Stimmen, die das ganze Unternehmen hinterfragen: Ob es nicht doch weiser gewesen wäre, in einem sich reformierenden Osmanischen Reich als eigenes Religionsvolk (millet) eine zunehmend einflussreiche Rolle zu spielen? Auf diese Grundfrage will der historische Roman „Held von Kastropyrgos“ eine fesselnde Antwort geben. Sein Autor Dimitris Rhodopoulos (1908-1960) erlangt erst postum unter dem Pseudonym „M. Karagatsis“  internationale Bekanntheit: „Held“ Michalos Roussis ist ein griechischer Christ, doch als „Kotzambassis“ Glied des osmanischen Verwaltungssystems, das er befürwortet. Michalos amtet gerecht und menschenfreundlich. Sein selbstherrlicher, geldgieriger und erpresserischer Kollege Petros Mothonitis unterstützt den Aufstand, damit Land und Leute völlig sein eigen werden. Bischof Dorotheos vertritt den bis heute nicht verschwundenen Standpunkt, dass Griechentum und Orthodoxie identisch wären.

Die Identifizierung von Roussis mit dem Osmanentum geht so weit, dass er zum Islam übertritt. Im Verlauf des Befreiungskrieges bekennt er sich jedoch aus Überzeugung zur griechischen Sache und wird einer ihrer Helden. In allen Phasen seines bewegten Lebens bleibt er sich in seiner Herzensgüte und Wahrhaftigkeit treu. Bewegend die beiden Frauengestalten an Michalos Seite, die alles erduldende Gattin Evangelia und Gefährtin Vangelio, die er als Sklavin freigekauft hat. Kapitän Manolis Trukas verkörpert die mitentscheidende Rolle der christlichen Albaner im „griechischen“ Freiheitskampf. Bis um 1900 wurde noch im modernen Athener Parlament darüber diskutiert, das Albanische zur zweiten Staatssprache zu machen…

Gründlich räumt der Roman mit dem bis heute in griechischen Schulbüchern gezeichneten Bild vom „bösen Türken“ auf. Die Vertreter des Osmanentums werden als Menschen mit Licht- und Schattenseiten gezeichnet – wie die Griechen auch. Sie sind sogar oft sympathischer als diese.

Der Roman von Karagatsis gewinnt die Leserschaft mit spannender Handlung und farbig-lebendigen Charakteren. Da treten bei aller historischen Gründlichkeit keine schematisierten Heroen, sondern Menschen aus Fleisch und Blut auf.

Das wissenschaftliche Nachwort des griechisch-deutschen Historikers Prof. Ioannis Zelepos „Die Kotzambassides der Peloponnes“ gibt dieser Edition zusätzlichen Wert. Es beweist, dass die osmanische Herrschaft in Südosteuropa nicht einfach als „Versklavung“ abgetan werden darf!

Karagatsis, Held von Kastropyrgos – Ein Schicksal aus dem griechischen Befreiungskrieg 1821. Athen (Verlag der Griechenland Zeitung), 2021, 264 S., 19.80 Euro.