Gold gab ich für Erdogan

Caricature: © Rachel Gold

 

Türkei kann wirtschaftlich nicht mehr auf die EU warten

Von Heinz Gstrein

Die Türkei hatte es beim letzten EU-Telegipfel nur der Hauptbeschäftigung der Europäer mit dem Durcheinander des Covid-Impfens zu verdanken, dass nichts Handfestes zu ihrer Problematik beschlossen, sondern auf die nächste EU-Spitze im Juni verschoben wurde. Besonders froh müsste Ankara eigentlich sein, nach seiner Provokation mit Aufkünden von Frauenrechten ohne Sanktionen davongekommen zu sein.

In den wenigen Tagen seit Erdogans Ausstieg aus der Europäischen Konvention für den Frauenschutz sind schon vier neue Morde zu verzeichnen. Aus der Opposition hat Parteichef Kemal Kilicdaroglu von der Republikanischen Volkspartei (CHP) auf die Gefährlichkeit der Vorgangsweise Erdogans hingewiesen, internationale Vereinbarungen wie die Frauen-Konvention einseitig durch türkisches Präsidentschaftsdekret aufzuheben. Das könnte so dann auch mit dem Lausanner Frieden von 1923 und der Meerengen-Konvention in Montreux 1937 geschehen. Damals wurden die heutigen Grenzen der Türkei und die Rechte von Christen und Juden in ihr bzw. die freie internationale Schifffahrt durch Bosporus und Dardanellen festgelegt. Erdogan hat schon wiederholt damit gedroht, diese der Türkei „aufgezwungenen“ Verträge auszusetzen.

Abgesehen vom Ausbleiben von Strafaktionen der EU für ihren so wankelmütig gewordenen Möchtegern-Partner Türkei, gibt sich diese inzwischen dennoch über das Ausbleiben erbetener und erhoffter Entgegenkommen aus Brüssel enttäuscht: Entschädigungen in Milliardenhöhe fürs Zurückhalten von Millionen syrischer Flüchtlinge und afro-asiatischer Migranten vom Weitermarsch nach Europa, Zollvergünstigungen und visafreie Geschäftsreisen lassen nun ebenfalls bis zum Sommer auf sich warten. So lang kann Erdogan aber nicht mehr zuwarten, dem wirtschaftlich das Wasser des Bosporus bis zum Hals steht.

Der Kurs der türkischen Lira ist auf ein Achtel ihres früheren Wertes eingebrochen, Investoren meiden die Türkei oder ziehen sich zurück, wie das Volkswagen schon getan hat. Erdogan wechselte daher in den letzten Tagen die Leitung der Türkischen Nationalbank, der Börse von Istanbul und der größten Privatbank „Ziraat“ aus. Diese „Agrar“-Bank wurde schon 1863 vom osmanischen Reformer Midhat Pascha gegründet und begründete das weltweite Ansehen des türkischen Finanzwesens. Davon ist heute fast nichts mehr übrig geblieben, da Erdogan nach islamischer Lehre Zinsen, Anleihen und Aktiengeschäfte klein zu halten versucht.

Er hat jetzt seine Untertanen aufgerufen, zu Hause gehortete Devisen und Schmuckstücke bei den Staatsbanken zu deponieren. Falls das nicht ausreicht, steht laut viertgrößter Tageszeitung „Sözcü“ (Der Sprecher) allen Juwelieren die Zwangsabgabe von einem halben Kilo Gold bevor. „Gold gab ich für Eisen“ von einst wird „Gold gab ich für Erdogan!“ Die alte Devise hatte zur Finanzierung der Befreiungskriege gegen Napoleon I. gedient. An sie erinnerte sich als erster gar nicht Erdogan, sondern vor ihm schon Saddam Hussein, für den 1988 die Irakerinnen sogar ihre goldenen Eheringe vereisern mussten!