Erdogans Hagia-Sophia-Absage an Europäisierer Atatürk

Religiöser Fanatismus und Kultur-Barbarei. 

 

Caricature: © Rachel Gold

Von Heinz Gstrein

Nach der Islamisierung des Hagia-Sophia-Museums in Istanbul zur Moschee blies Staatschef Recep Tayyip Erdogan internationaler Gegenwind und gesamtchristlicher Aufschrei ins Gesicht. Beide haben schon spürbar nachgelassen, und der türkische Machthaber nimmt die Vorbereitungen zur Moschee-Eröffnung am 24. Juli in Angriff. Am Dienstag fand  eine erste Besprechung statt, wie die einmaligen Mosaiken und Fresken der Sophienkirche unsichtbar gemacht werden können, damit sie künftig die Muslimbeter nicht in ihrer Andacht zu Allah stören. Handelt es sich doch nach islamischer Lehre um Götzenbilder. Fast 500 Jahre waren sie nach dem Fall Konstantinopels 1453 mit Verputz bedeckt, wurden dabei in ihrer Mehrzahl zerstört. Erst Anfang der 1930er Jahre durften amerikanische Byzantinisten freilegen, was noch zu retten war. Aber auch das erwies sich als so überwältigend, dass bei seinem Anblick der Europäisierer der Türkei, Kemal Atatürk, spontan den Beschluss fasste, die Hayasophiya-Moschee in ein Museum zu verwandeln. Dieses war seit 1934 ein Hauptsymbol der modernen Türkei. In ihr sind Generationen von Türken und vor allem Türkinnen im säkularen Erbe des großen Reformers und Frauenbefreiers Atatürk aufgewachsen.

Jetzt beruft sich Erdogan für seine Moscheeisierung darauf, dass sich der Eroberer von Konstantinopel, Mehmet II., die byzantinische Patriarchenkirche mit dem Recht des Siegers zu eigen und zur Moschee gemacht hätte. Heute leben wir aber im 21. und nicht mehr im 15. Jahrhundert. Nur wieder Terrormilizen wie der Islamische Staat (IS) verwandeln Kirchen in Moscheen, vernichten ihren Bilderschmuck. Nicht einmal in der Türkei hat Sultans-Imitator Erdogan mit seiner Re-Islamisierung der Hagia Sophia an Rückhalt dazu gewonnen: Jene Islamisten, die jetzt vor der einst größten Kirche der Christenheit jubeln und trubeln, standen ohnehin schon längst hinter ihm. Gegen die Herabwürdigung des von der UNESCO geschützten architektonischen und bildhaften Kulturerbes zu einer der vielen tausend Moscheen in Istanbul laufen jetzt gerade in der Türkei

alle nur halbwegs Gebildeten Sturm. Nicht nur große Namen wie Nobelpreisträger Orhan Pamuk oder die auch auf Deutsch vielgelesene Autorin Elif Safak. Allerdings dürfen sie nicht einmal in den letzten noch halbwegs oppositionellen Medien zu Wort kommen. Die hüllen sich zur Hagia Sophia in betretenes Schweigen. Dafür gehen die sozialen Netzwerke an Protesten über. Erdogan will sie daher von Facebook und Twitter angefangen verbieten lassen.

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