Erdogan im Krebsgang. Türkisches Wideranbiedern an die Europäische Union

Caricature: © Markus Szyszkowitz

 

Caricature: © Markus Szyszkowitz

Von Heinz Gstrein

Das Aufschlagen einer neuen Seite im Verhältnis der Türkei zu Europa hat am Mittwoch Präsident Recep Tayyip Erdogan dem EU-Ratspräsidenten Charles Michel angeboten. Er wandte sich mit seinem Telefonat an die genau richtige Adresse, da der belgische Politiker vom letzten, sonst Ankara gegenüber zahnlosen Gipfel der europäischen Staats- und Regierungschefs mit der Vorbereitung von Sanktionen beauftragt ist. Diese hat Erdogans Türkei als militärischer Unruhestifter in Syrien, Libyen und Karabach, durch aggressive Brüskierung der EU-Staaten Griechenland und Zypern im östlichen Mittelmeer nur verdient. Sie sind aber für sein wirtschaftlich und innenpolitisch ins Schleudern geratenes Regime genau das, was es als Draufgabe wirklich nicht brauchen kann. Die in jeder Hinsicht instabil gewordene Türkei sucht dringend Hilfe auf allen Ebenen. Die kann es zur Zeit nur aus der EU erwarten und besonders von Kanzlerin Angela Merkel erhoffen. Die alte Achse von der Spree zum Bosporus hat sich in zwei Weltkriegen bewährt und alle undemokratischen oder zuletzt islamistischen Eskapaden der Türkei überdauert.

Was die USA betrifft, war Präsident Trump mit Erdogan ein Herz und eine Seele. Ihr Einvernehmen wurde nur einmal getrübt, als die Türkei einen evangelikalen US-Prediger einsperrte. Donald verzieh „seinem“ Recep dessen Liebäugeln mit Putin, den Ankauf russischer Raketen und die Packelei mit allen Feinden Israels auf Staats- und auch Terrorebene. Doch jetzt lassen mit der Trump‘schen Götterdämmerung im Weißen Haus die ersten Sanktionen wegen Erdogans S-400 aus Russland ahnen, was auf den wankelmütigen Machthaber am Bosporus zukommt, wenn erst Joe Biden am Ruder ist.

Im Moment lobt daher Erdogan die Europäer und schimpft auf die Amerikaner. Gleichzeitig beginnt er, sich aus Brüssel und langfristig auch Washington missfallenden Allianzen herauszulösen. Zu allererst von den iranischen Ayatollahs, die sich mit wieder hochgefahrener Atomrüstung und zuletzt der Hinrichtung eines prominenten Kritikers der schiitischen Klerisei letzte westliche Sympathien verspielt haben. Nun setzt sich auch Erdogan von Teheran ab. Bei der Siegesfeier zu Karabach in Baku mit seinen aserbaidschanischen Verbündeten stellte er die Grenze zum iranischen Aserbaidschan am Aras-Fluss in Frage. Das war kein Versprecher, sondern ein klarer Fehdehandschuh an Iran, bisher Ankaras Verbündeten in Syrien wie gegen Israel.

Erdogan wird eben nicht nur von grenzenloser Großmannssucht getrieben. Ebenso stark ist seine schlaue Gerissenheit. Ob die EU allerdings schon vergessen hat, dass er eben erst Emmanuel Macron beschimpfte und zum Boykott französischer Waren aufrief?