Der “Fall Elpidoforos“ und seine Lehren

 

Athen und Nikosia wollen mit dem Erzbischof die Konstantinopler Kirche schulmeistern

 

Von Heinz Gstrein

New York/Athen. Die Teilnahme des griechisch-orthodoxen Erzbischofs von Amerika, Elpidoforos Lambriniadis, an einem türkischen Staatsempfang in New York anlässlich der UN-Vollversammlung hat bei der politischen Führung Zyperns und Griechenlands zu schwerer Verstimmung geführt. Der Erzbischof hatte die von Präsident Recep Tayyip Erdogan angesetzte Veranstaltung dazu benützt, um sich für eine Wiedereröffnung der seit 1971 von Ankara geschlossenen orthodoxen Theologischen Fakultät Chalki bei Istanbul einzusetzen. Elpidoforos war vor seiner Berufung in die USA von 2011 bis 2019 selbst Dekan der kirchlich weiterbestehenden, wenn auch staatlich an ihrer Arbeit behinderten Hochschule. Die Tatsache, dass zu dem Empfang auch der von Nikosia und Athen nicht anerkannte zyperntürkische „Präsident“ Ersin Tatar erschienen war, sich also der Erzbischof in räumliche Gemeinschaft mit ihm begab, wurde sofort von Politikern und weitgehend auch der öffentlichen Meinung auf Zypern und in Griechenland, aber auch bei vielen US-Griechen als „indirekter Akt der Anerkennung“ ausgelegt.

Der Präsident der Republik Zypern, Nikos Anastasiades, und der griechische Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis, sagten in New York schon vereinbarte Begegnungen mit Elpidoforos ab. Dieser betonte darauf in einer Erklärung, dass jedes Akutwerden der Zypernkrise auch zu Lasten der Griechisch-Orthodoxen in der Türkei ausgegangen ist, die als Sündenböcke und Geiseln behandelt wurden: Vom großen Septemberpogrom 1955 über die Ausweisungswelle von 1964 bis zu den Schikanen der 1970er Jahre, an die er sich als Konstantinopler Grieche noch aus seiner Kindheit lebhaft erinnere. Man möge also seine Aktion für Chalki bei dem Empfang Erdogans verstehen. Es sei aber nie seine Absicht gewesen, dabei den auch anwesenden Chef der Zyperntürken de facto anzuerkennen. Er habe Tatar weder begrüßt noch mit ihm ein Wort gesprochen.

Darauf stellte sich auch der frühere Athener Kulturminister Evangelos Venizelos in einer Kundmachung auf die Seite des Erzbischofs. Dieser sei das letzte Opfer der Tatsachenkette, dass es immer das Ökumenische Patriarchat in Istanbul, seine Gläubigen und ihre Institutionen gewesen sind, die bei jeder griechisch-türkischen Auseinandersetzung auf Zypern die Rechnung zu zahlen hatten. Athen und Nikosia hätten ihnen dafür aber nicht gedankt, sondern im Gegenteil Vorwürfe wegen zu turkophiler Haltung gemacht.

Darauf hin haben nach mehreren despektierlichen Verschiebungen Ministerpräsident Mitsotakis und am 25. September schließlich auch Präsident Anastasiades den Erzbischof doch empfangen. Dabei zeigten sich die beiden Politiker sichtlich reserviert. Sie erklärten die ganze Angelegenheit aber für „bereinigt und abschlossen“.

Man könnte das ganze  Zerwürfnis als für „viel Lärm um nichts“ zu den Akten legen, kommentiert in ihrer Sonntagsausgabe vom letzten Septemberwochenende die Athener Tageszeitung „Kathimerini“. Das sonst der Regierung Mitsotakis nahestehende Blatt fordert aber:  Kein „Schwamm drüber“, sondern die Lehre aus diesem Störfall ziehen. Beim Patriarchat von Konstantinopel handle es sich nicht um eine weisungsgebundene Außenstelle der griechischen und zyprischen Diplomatie. Als solche wird es aber aus Athen und Nikosia offenkundig betrachtet und behandelt. Es sei aber unzulässig, meint Chefkommentator Yannis Makriotis, „Manöver eines griechischen Nationalismus zu Lasten des Ökumenischen Patriarchats durchzuführen!“

Noch schärfer kritisiert das oppositionelle „Ethnos“ (Nation) die Haltung Griechenlands und Zyperns zur „Affäre Elpidoforos“: Die Regierung habe versucht, „heuchlerischen Patriotismus zu vermarkten“. Das Griechentum habe „das Schild und nicht ein Kritiker des Ökumenischen Patriarchats“ zu sein.