“Fall Elpidoforos“: Ein Kampf um den Phanar?

 

Rivalen versuchen ihn als Nachfolger von Bartholomaios auszuschalte

 

Von Heinz Gstrein

Athen/Istanbul/New York. In der griechischen Orthodoxie geht im Vorfeld des Besuches von Patriarch Bartholomaios I. in den USA ab 23. Oktober die Debatte um den Konstantinopler Erzbischof für die amerikanische Diaspora, Elpidoforos Lambriniadis, weiter. Er hatte sich im September während der UN-Generalversammlung das Missfallen der politischen Führungen in Athen und Nikosia sowie heftige Kritik nationalistischer Auslandsgriechen zugezogen. Grund dafür war seine Teilnahme an einem Empfang des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan (öki 39 vom 28.11.21, Seite 5). Die Verstimmung des offiziellen Griechenlands und Zyperns konnte beigelegt werden, doch geht vor allem bei den US-Griechen die Stimmungmache gegen ihren aus Istanbul stammenden Oberhirten weiter.

„Weg mit dem Türken!“ verlangen die Anhänger seines Vorgängers Dimitrios Trakatellis, der 2019 mit seinen schon damals 81 Jahren nicht Elpidoforos Platz machen wollte und vom Ökumenischen Patriarchen in den Ruhestand gedrängt werden musste. Sie nennen den heutigen Erzbischof nicht „Elpidoforos“, sondern „Elpidosvestis“, was „Hoffnungslöscher“ statt „Hoffnungsbringer“ bedeutet. Trakatellis war 1999 aus Griechenland gekommen, wo er sogar während der Militärdiktatur zwischen 1967 und 1974 einer der Bischöfe in der gefügigen „Notstandssynode“ gewesen war. Ganz der Mann für die rechtslastigen US-Griechen, die sich in den 20 Jahren unter ihm als wohlbestallte Kirchenpfründner einrichten konnten. Die Erzdiözese Amerika, einst finanzielles Rückgrat des Patriarchats von Konstantinopel, stand 2019 vor dem Bankrott. Der neue Erzbischof Elpidoforos zog sofort die Notbremse und griff zu Sanierungsmassnahmen, die viele der bisherigen Profitgeier schmerzlich trafen. Die linksliberale Athener Tageszeitung „To Vima“ (Die Tribüne“) sieht in dem Aufschrei dieser Kreise über den „Erzbischof bei Erdogan“ einen Racheakt der „orthodoxen Kirchenmaffia“ in den USA. Das Kommentatoren-Team des Blattes, dem Griechenlands führende Kirchenjournalistin Maria Antoniadou angehört, stellt die Erregung gegen Elpidoforos aber auch in den Rahmen von Diadochenkämpfen um die Nachfolge von Patriarch Bartholomaios I.

Diese Sicht teilt völlig das griechische Kirchenportal „orthodox times“. Unter dem Titel „Warum haben sich die Elpidoforos-Fresser auf ihn gestürzt“ weist der meist gut informierte Leitartikler mit dem Pseudonym „Melchisedek“ darauf hin, dass für eine künftige Nachfolge des schon 30 Jahre amtierenden Ökumenischen Patriarchen drei Persönlichkeiten in Frage kommen: Der vor kurzem erst von Paris nach Istanbul versetzte Metropolit Emmanuel Adamakis, der Lokalkandidat Metropolit Dimitrios Kommatas von den Prinzeninseln im Marmara-Meer, und eben der Erzbischof von Amerika.

Adamakis ist international am bekanntesten, führt den ihm anvertrauten orthodoxen Dialog mit den Weltreligionen vor allem in Richtung Islam. Er bevorzugt dabei Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate, was dem Phanar beträchtliche Einnahmen zuführen dürfte. In den Augen der Türkei, die mit Riad und Abu Dhabi im Streit liegt, wird er aber dadurch als Patriarchenkandidat belastet. Dazu kommt, dass der frischgebackene Metropolit von Chalzedon (Kadiköy), zwar wie erforderlich die türkische Staatsbürgerschaft erhalten hat, aber aus Griechenland stammt, vorher nie in der Türkei gelebt und gewirkt hat und jetzt erst langsam Türkisch lernt. Da Adamakis der Architekt für das harte Vorgehens des Phanar in der Ukraine war, würde seine Wahl zum Ökumenischen Patriarchen die Spaltung in der Orthodoxie unbedingt vertiefen.

Sein Konkurrent Metropolit Dimitrios hingegen vertritt eine interorthodox versöhnlichere Linie, ist überhaupt mehr an Konstantinopler Belangen als der Weltorthodoxie interessiert, was seiner ökumenischen Aufgeschlossenheit keinen Abbruch tut. Er kommt aus Istanbuls altem Griechenviertel Tatavla (Kurtulus) und war bis 2008 ein Weggefährte des Aufstiegs von Bartholomaios, dessen „Persönliches Sekretariat“ er leitete. Als Kommatas aber erstmals seine Designierung für die Patriarchennachfolge betrieb, wurde er aus allen Ämtern entfernt. Bis 2018 bekam er die Ungnade von Bartholomaios zu spüren, der ihn aber dann mit der Insel-Metropolis betraute. Dort erneuerte Metropolit Dimitrios eifrig das heruntergekommene kirchliche Leben, war aber auch bemüht, die Prinzeninseln in einen Gegenpol zum Phanar zu verwandeln. Verbündete suchte und fand er unter anderen Istanbuler Bischöfen, aber auch in Smyrna (Izmir) und bei Metropoliten in Griechenland, die kirchlich Konstantinopel unterstehen.

Im Unterschied zu diesen beiden ehrgeizigen Persönlichkeiten spricht im Fall einer Vakanz am Ökumenischen Patriarchat alles für den US-Erzbischof. Er wurde in Istanbuls Vorort Makrochori (Bakirköy) als Sohn eines Griechen und einer arabischen Mutter geboren. Für das nationalgriechische Lager ein Schandfleck, sichert das Elpidoforos, der fliessend Arabisch spricht, außer in Saloniki und Bonn in Libanon studiert hat, die Sympathien der orthodoxen Araber in den drei nahöstlichen Patriarchaten Alexandria, Antiochia und Jerusalem. Sie stehen sonst dem Ökumenischen Patriarchat recht ablehnend gegenüber. Lambriniadis hat im Phanar als Generalsekretär des Heiligen Synods gewirkt, war dann in Chalki als dessen Dekan um eine Wiedereröffnung der von Ankara geschlossenen Theologischen Hochschule bemüht. Als Metropolit von Proussa (Bursa) in Kleinasien baute er in dem 1922/23 von allen Christen „gesäuberten“ Bistum neue Seelsorgsstrukturen für orthodoxe Arbeitsmigranten aus dem ehemaligen Ostblock auf. Zuletzt in den USA nahm er jene Reformen in Angriff, die Bartholomaios I. vergebens von seinem Vorgänger Trakatellis eingefordert hatte.

So wäre Erzbischof Elpidoforos auch der richtige Mann, einmal das Werk des Ökumenischen Patriarchen zu übernehmen und fortzuführen. Seine beiden Rivalen wissen das, meint in Athen der Kommentator „Melchisedek“. Er schließt daraus, dass die jüngste Kampagne gegen ihn nicht nur auf Trakatellis-Seilschaften in den USA zurückgeht, sondern ebenso am Patriarchat ihre Drahtzieher hat.

Bei der gewöhnlich gut informierten „Orthodox Times“ hat es sich anfangs um die englische Version der recht prorussischen und anti-ökumenischen griechischen Kirchen-Agentur „Romfea“ (Schwert) gehandelt. 2018 wurde die „Times“ aber vom “World Media Orthodox Network“ im attischen Keratsini übernommen. Es erfreut sich regelmäßiger finanzieller Unterstützungen in Höhe von 100 000 Dollar vom amerikanischen State Department. Sie wurden ihm vom US-Botschafter in Griechenland, Geoffrey Pyatt, vermittelt.