Zweite Eroberung von Konstantinopel

Ökumenisches Patriarchat sichert sich gegen Erdogans islamische Wiederaneignung der Hagia Sophia ab

Von Heinz Gstrein

Istanbul. Das Ökumenische Patriarchat der Orthodoxie hat sich sofort gegen die islamische Wiederaneignung der Hagia-Sophia abgesichert. Die größte Kirche der Christenheit war 1453 beim Fall von der Konstantinopel an die Türken zur Moschee geworden. Sie blieb es auch bis 1934, als der Europäisierer Kemal Atatürk sie zum weltlichen „Museum für alle“ machte. Jetzt wurde dieses auf Weisung von Präsident Recep Tayyip Erdogan wieder in eine Moschee verwandelt. Während drinnen eine Koransure nach der anderen rezitiert wurde – ihr Heiliges Buch ist auch einziges Gebetbuch der Muslime, lagerten rundum in den Vorhöfen und im Gras des nahen Parks ein paar tausend Islamisten auf ihren Gebetsteppichen und zeigten die Rabia, den von Erdogan übernommenen Vier-Finger-Gruß der ägyptischen Muslim-Brüder. Gleich nach der mehrstündigen Feier zogen politislamische Demonstranten mit dem Schlachtruf „Allahu ekber“ durch die Straßen von Istanbul. Auch die Medien ergingen sich am Abend und tags darauf in Beifall und Jubel. Die Kolumnistin des Massenblattes „Sabah“ (Der Morgen), Nagehan Alci, nannte das Freitagsgebet des 24. Juli sogar eine „zweite Eroberung von Konstantinopel“.

Mit seinem Griff nach der Hagia Sophia wollte Erdogan, wie er sagte, „das Herz der türkischen Nation gewinnen“. Dennoch weist die jüngste Umfrage für die Regimepartei AKP nur mehr 30 Prozent Unterstützung auf. Besonders die von Atatürk aus dem Harem und vom Schleier befreiten türkischen Frauen wenden sich gegen Erdogans forcierte Wiedervermännlichung Gesellschaft. Die wurde ihnen bei dieser Moscheeeröffnung ja drastisch vor Augen geführt.

Die nach wie vor auf das Reformwerk des türkischen Europäisierers Kemal Atatürk einschließlich seiner Säkularisierung der Hagia Sophia eingeschworene CHP-Opposition begleitete gezielt die Re-Islamisierung seines Museums mit dem Hinweis auf eine bevorstehende Flucht Erdogans und seines Clans nach den USA. Wenn Kemalistenführer  Kemal Kilicdaroglu recht hat, wurde von den Erdogans schon das Anwesen des einstigen Muslim-Boxers Cassius Clay vulgo Muhammad Ali in Michigan angekauft.

Bartholomaios I. hatte den sich unter Erdogan verstärkenden Trend zur Re-Islamisierung der Hagia Sophia seit Jahren aufzuhalten versucht. Handelt es sich bei ihr doch um den einstigen Sitz seines Patriarchats, den es als „Große Kirche“ noch immer im Titel führt. Als aber in den letzten Wochen klar wurde, dass die Re-Moscheeisierung in Ankara beschlossene Sache ist, verstummte der Ökumenische Patriarch. Erst am 22. Juli versammelte er den Heiligen Synod in seiner seit 1971 von den türkischen Behörden geschlossenen Theologischen Hochschule auf der Istanbul vorgelagerten Insel Chalki. Inzwischen schien nämlich auch deren rechtlicher Fortbestand als Institution gefährdet. Lang hatten nämlich im Phanar Hoffnungen bestanden, Chalki könnte als eine Art Ausgleich für die Islamisierung des Hagia-Sophia-Museums die Wiedereröffnung gestattet werden. Diese Wunschträume machte aber unlängst der Muslim-Theologe Ibrahim Kalin zunichte. Der Chefberater und Sprecher Erdogans dementierte jeden Konnex zwischen Hagia Sophia und Chalki, machte dessen Zukunft ganz von Gegenleistungen Griechenlands abhängig.

So verbrachten Bartholomaios und – wegen Corona – nur sieben der zwölf Synodalbischöfe – unter ihnen der frühere und jetzige Metropolit der Schweiz – die ersten zwei Tage ihrer Session meist im Garten des Dreifaltigkeitsklosters von Chalki, dessen Status sie als „Heilige Theologische Hochschule“ protokollierten. Am Tag der islamischen Wiederaneignung der Hagia Sophia begab sich der Synod von Chalki nach dem Phanar und verfolgte im Fernsehen Erdogans Staatsakt. Dabei wurde bemerkt, dass der neue dortige Hausherr, statt des Kulturministers der Chef des islamischen Religionsamtes DIYANET, Ali Erbas, die Kanzel zu seiner Freitagspredigt mit einem osmanischen Krummsäbel in der Hand bestieg. In der Ansprache dankte er Allah für diesen Tag des Segens, das Museum wieder als Ayasophya-Moschee zu eröffnen, stieß aber auch heftige Verfluchungen aller jener aus, die „Gebote und Werte des Islam missachten“. Auffallen musste auch, dass das Regierungs-Fernsehen  immer wieder die jetzt verhängten christlichen Mosaiken und Fresken der einstigen Kirche ins Bild nahm, um ihre religiös-kulturelle „Reconquista“ durch den Islam nach Jahren als weltliches Museum augenfällig zu machen.

Dann verabschiedete der Heilige Synod seine Abschlusserklärung. Ihre Bedeutung findet sich nicht in den – ungenannten – Synodenbeschlüssen, sondern in der Präambel: „Im Phanar, der historischen Fortführung des ‚Großen Klosters des christlichen Volkes‘ (= Hagia Sophia), wo geistig die Lehren der Ökumenischen Konzilien, besonders jene von Chalzedon, festgeschrieben sind, und wo das Ethos des orthodoxen Gottesdienstes seinen Gipfel erreichte…“

Damit wurde die Rolle des Phanars als kirchliche Fortsetzung und Erbe der Hagia Sophia festgeschrieben, was immer ihrem Bauwerk unter islamischer oder anderer Fremdherrschaft noch widerfahren mag. Damit verwahrt sich Bartholomaios I. wirksam gegen Abwertungsversuche aus Ankara, er habe ohne Hagia Sophia keine ökumenischen Befugnisse und Aufgaben mehr, sei nur ein „Oberpfarrer“ (Baschpapaz) der wenigen in der Türkei noch übrigen Griechisch-Orthodoxen. Dasselbe gilt auch in Richtung Abwehr des neuesten russischen Vorstoßes, sich einen allorthodoxen  Kampf für die Hagia Sophia unter Führung des Moskauer Patriarchats, und nicht des Phanars, zu monopolisieren.

Bartholomaios I. hat darauf Istanbul sofort verlassen. Er begab sich nach der Dardanelleninsel Tenedos, wo eine kleine griechische Gemeinde überlebt. Nach dem Hangen und Bangen um die Hagia Sophia stellt sich für jetzt die Frage, ob ihn Erdogan den „Hohen Frauentag“ am 15. August im Marienkloster Soumelas feiern lässt. Nach 2010 war ihm das zunächst in diesem einstigen Heiligtum der „pontischen“ Schwarzmeergriechen gestattet worden. Dann wurden die Klosterruinen wegen Restaurierung geschlossen. In diesem Jahr sind sie für Touristen, doch bisher noch nicht für den Patriarchen wieder zugänglich.

Während dieser auf Tenedos abwartet, veröffentlicht sein „Hofberichterstatter“ Nikos Manginas auf der Blogsite „Phos Phanariou“ (Licht des Phanars) alle kritischen Erklärungen, die Bartholomaios seit 2013 schon in Sachen Hagia Sophia abgegeben hat. Unter dem Titel „Achtung vor unseren Glauben und den Gottesdienststätten unserer Vorväter“ unterstreicht Manginas das Recht des Ökumenischen Patriarchen sich zur Hagia Sophia zu äußern und weiter mitzureden.

Mit Genugtuung werden im Phanar auch die sich mehrenden gemeinsamen Erklärungen katholischer Bischöfe zur Hagia Sophia mit ihren orthodoxen Amtsbrüdern aufgenommen. So – nach dem Erzbischof von New York – jene des Oberhirten in Boston, Patrick Kardinal O’Malley, mit Erzbischof Elpidoforos Lambriniadis von Amerika oder der Australischen Katholischen Bischofskonferenz mit Erzbischof Makarios Griniezakis.

 

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