Wackelige Schadensbegrenzung für Moskau wegen Ukraine

 

Orthodoxe Verurteilung lässt sich vor Karlsruhe kaum verhindern?

 

Von Heinz Gstrein

Paralimni/Kuopio/New York. Dem Moskauer Patriarchat ist nach seiner Anfeindung wegen der Befürwortung des russischen Krieges in der Ukraine eine zunächst bedeutsam erscheinende Schadensbegrenzung gelungen: Bei der Interorthodoxen Konsultation auf Zypern im Vorfeld der 11. Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) vom 31. August bis 8. September konnte eine starke Delegation unter dem Vorsitz von Patriarch Kirills Leiter des kirchlichen Außenamtes, Metropolit Hilarion Alfejew, jede direkte Verurteilung von Russlands Orthodoxie wegen ihrer „Segnung“ des Kampfes gegen die ukrainischen „Faschisten und Ultranationalisten“ wie auch der sonstigen Nähe zu Staatschef Wladimir Putin verhindern. Unmittelbar nach dessen Einfall in die Ukraine Ende Februar hatte es eher danach ausgesehen, dass die Russische Orthodoxe Kirche Anfang September in Karlsruhe ausgeladen würde. Zu sehr stand ihr kriegstreiberisches Verhalten den Ukrainern gegenüber in Widerspruch zu dem Leitgedanken der Vollversammlung „Die Liebe von Christus führt die Welt zu Versöhnung und Einheit“.

Damit es im zyprischen Paralimni dann zwischen 9. und 16. Mai doch etwas anders kam, brauchte sich Metropolit Hilarion nicht besonders ins Zeug zu legen. Zypern ist nicht nur wirtschaftlich und politisch, sondern gerade kirchlich eng mit Russland liiert. Wie im Kirchenvolk, herrscht auch bei vielen Bischöfen die Meinung vor, dass die Ukrainer mit Hilfe des Westens schon lang Russland unterschwellig bedroht hätten und daher die wahren Aggressoren wären. Putin sei einem Vormarsch der NATO in die Ukraine nur um Haaresbreite zuvor gekommen.

Wie das der Abt-Metropolit eines abgelegenen Marienklosters, Nikephoros Kykkotes, bei seiner letzten Sonntagspredigt in der Hauptstadt Nikosia verkündet hat: „Die Russen kämpfen in der Ukraine, doch stehen ihnen alle Länder der NATO, der Europäischen Union und deren sonstige Verbündete gegenüber. Die Ukrainer bekämpfen die Russen, haben aber den gesamten Westen hinter sich. Es geht um einen Weltkrieg, der sich militärisch auf das ukrainische Territorium beschränkt, doch Russland sieht sich Angriffen mit politischen und wirtschaftlichen Waffen vom gesamten Globus ausgesetzt.“

So wurden auch bei der Interorthodoxen Konsultation an der Demarkationslinie zum türkisch besetzten Zypern, Stimmen laut, von denen die Schaffung der von Moskau losgelösten Autokephalen Orthodoxen Kirche der Ukraine als erster und eigentlicher Kriegsgrund für Russland genannt wurde. Sogar Erzbischof Chrysostomos II. von Zypern, der persönlich in Gemeinschaft mit dem neuen Metropoliten in Kiew, Epifanij Dumenko, getreten ist, lud Hilarion als einzigen von allen Teilnehmern zu einem Mittagessen unter vier Augen ein. Nach zyprischen Presseberichten hat er dabei den Alleingang Richtung Kiew ohne seinen Episkopat zu rechtfertigen versucht. Er sei von seinen gescheiterten Vermittlungsversuchen zwischen Konstantinopel und Moskau frustriert gewesen und wollte einen Schritt vorwärts setzen

Alfejew fand auch offene Ohren, als er die Argumente von Putin und Patriarch Kyrill aufgriff, dass es sich bei diesem Krieg um einen Kampf des „heiligen“ Russland gegen einen dekadenten Westen handle. Seine Kirche setze sich dabei für den Schutz traditioneller Werte wie die Familie, die Unantastbarkeit des Lebens von Kindern und Alten, gegen die ganze unmenschliche Gewinn- und Konsumgesellschaft ein. „Die Kirche muss Orientierung geben und gegen den moralischen Relativismus, der in einigen Regionen Westeuropas verbreitet ist, kämpfen!“

Um Schadensbegrenzung bemühte sich Metropolit Hilarion neben dem Ukrainekrieg auch in Afrika. Dort hat die jüngste Schaffung eines russischen Missions-Exarchats im „kanonischen Territorium“ des Patriarchats von Alexandria und „ganz Afrika“ den Unmut von dessen Oberhirten Theodoros II. hervorgerufen. Der russische Delegationsleiter besprach sich daher auf Zypern mit dessen Vertreter Metropolit Seraphim Iakovou von Zimbabwe über eine Beteiligung aller orthodoxen Kirchen an der Afrikamission. Das kam auch dem rumänischen Delegierten Metropolit Nifon Mihaita von Tirgoviste gelegen: Die Orthodoxie Rumäniens hatte sich als erste – lang vor den Russen – um ihren Einsatz in der afrikanischen Mission – vergeblich – bemüht.

Schliesslich konnten die Russen sich in Paragraph 24 des Abschluss-Kommuniques von Paralimni eine nur allgemeine Verurteilung des Krieges in der Ukraine „und aller Kriege auf der Welt“ sichern: Unter den 52 Teilnehmern befanden sich auch Kopten, Äthiopier, Armenier, Syrianer und Syro-Malankaren aus Indien. Diese stehen nicht in Kirchengemeinschaft mit den „Griechisch-Orthodoxen“, werden aber von Moskau gezielt umworben und haben für dessen Antrag gestimmt..

Der Ökumenische Rat der Kirchen, dessen geschäftsführender Generalsekretär Ioan Sauca aus Rumänien bei dieser orthodoxen Vorrunde für Karlsruhe selbst anwesend war, stellte den Paragraphen 24 in einer Aussendung als „Mitverurteilung des russischen Angriffs“ dar. Auch die Chefredakteurin der „Orthodox Times“, Efi Efthymiou, schreibt in dieser englischen Ausgabe der chronisch russenfreundlichen griechischen „Romfea“: „Einstimmige Verurteilung des Krieges (die Russen eingeschlossen) beim ÖRK.

Gegen solche Moskau entlastende Uminterpretationen wurde sofort Widerspruch laut. Nicht zufällig zu allererst durch den orthodoxen Erzbischof von Karelien und Finnland, Leo Makkonen. Er steht einer kirchlich-militärischen Gefährdung aus Russland nach der Ukraine am nächsten. Daher nimmt er sich auch kein Blatt vor den Mund: „Persönlich bin ich enttäuscht…Der Krieg in der Ukraine ist das Ergebnis des einseitigen Überfalls durch die Russländische Föderation, den die Russische Orthodoxe Kirche unter Patriarch Kirill mit ihren Stellungnahmen unterstützt. Die blutigen Hände der diesen Krieg Segnenden haben unglücklicherweise die Wortwahl dieses Dokumentes beeinflusst und seinen Sinn verändert.“

Eine weitere kritische Stimme kam von dem führenden Diasporatheologen des Ökumenischen Patriarchats in den USA, Diakon John Chryssavgis: „Mehr als alles andere, ist diese Episode typisch für den gegenwärtigen Niedergang der Orthodoxen Kirche als Institution“. In dem Forum „Public Orthodoxy“, das von der New Yorker Jesuiten-Universität Fordham herausgegeben wird, untersucht Chryssavgis die Reaktion der orthodoxen Kirchenoberhäupter mehr als zwei Monate nach „Russlands brutalem und unprovozierten Überfall“ auf die Ukraine: Von den 15 autokephalen Kirchen haben vier Patriarchen noch nicht einmal die Tatsache „eines Krieges in der Ukraine“ allgemein verurteilt: Johannes X. von Antiochia, Theophilos III. von Jerusalem, Porfirije von Serbien und Neofit von Bulgarien. Der russische Patriarch Kirill begrüßt sogar unentschuldbar  Putins Invasion. Eine ganze Reihe von Kirchen, die Kirills Wut fürchten, haben unter dem Druck ihrer eigenen Gläubigen den Krieg verurteilt und nach Frieden gerufen, das aber mit platten Floskeln, die in Zeiten der Ruhe durchgehen mögen, angesichts dieser Kriegsleiden aber unangemessen sind.

Chryssavgis kommt zu dem Schluss: „Vielleicht sollten wir einbekennen, dass unsere Kirche beharrlich Freiheit und Demokratie zurückweist. Vielleicht sollten wir das schätzen, was wir in unseren Herzen wissen, aber so selten mit den Lippen zu bekennen wagen:

Dass wir wieder einmal hoffnungslos und schamlos auf der falschen Seite der Geschichte stehen.