Bartholomaios mit gestärktem Rücken

In Erwartung der Hagia-Sophia-Entscheidung aus Ankara

Von Heinz Gstrein

Istanbul. Der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. ist am 27. Juni von der in die Schweiz verlagerten Sitzung seines Heiligen Synods nach dem Phanar zurückgekehrt. Dort gibt es bisher keine Reaktionen von türkischer Regierungs- oder Medienseite auf das in seiner Abwesenheit erschienene Interview zur drohenden Umwandlung des Istanbuler Kirchenmuseums der Hagia Sophia in eine Moschee. Der „Washington Post“ gegenüber hatte Bartholomaios von einem 1500jährigen Kulturerbe gesprochen, das „anstatt uns zu vereinen nun wieder trennen“ soll. Als christlicher Geistlicher und griechischer Patriarch von Konstantinopel sei er „betrübt und erschüttert“.

Das war die klarste Zurückweisung der Pläne für eine islamistische Änderung des 1934 von Staatsgründer Kemal Atatürk verankerten säkularen Status des Gotteshauses, seit Bartholomaios 2016 das bei Beginn der Debatte um eine Rückwandlung der Hagia Sophia zur Moschee – wie sie das nach 1453 unter den osmanischen Sultanen gewesen war – deutlich gemacht hatte: In einem Schreiben an den seinerzeitigen Religionsamtsleiter in Ankara, Mehmet Gürmez, sprach der Ökumenische Patriarch seine Vorbehalte gegen die sich schon damals abzeichnende „Remoscheeisierung“ aus: Die würde eine „Herabwürdigung“ dieses Ortes der Begegnung von Morgen- und Abendland bedeuten.

Die jetzigen Warnungen von Bartholomaios in Sachen Hagia Sophia, deren Schicksal sich am 2. Juli durch eine Entscheidung des Obersten Türkischen Verwaltungsgerichtshofes entscheiden soll, erhalten noch besonderes Gewicht durch die Person seiner Interviewpartnerin, Asli Aydintasbas. Es handelt sich um eine hochangesehene, vom Erdogan-Regime unabhängige türkische Journalistin. Geradezu berühmt wurde sie durch ihre vom Europäischen Rat für Außenpolitik (ECFR) in Berlin herausgegebene Studie „Das Gute, das Böse und die Gülenisten“, die bisher einzige wirklich objektive Darstellung auf türkischer Seite zum Konflikt Erdogans mit seinem früheren Mentor Fethullah Gülen.

Aus der orthodoxen Kirchenfamilie hat Bartholomaios zur Hagia Sophia inzwischen nach der Unterstützung durch Metropolit Hilarion Alfejev aus Moskau auch von anderer, sonst in Sachen Autokephalie mit Konstantinopel uneiniger Seite Zuspruch erhalten: Bischof Sergije Karanovic von Bihac rief am 25. Juni die Christen in aller Welt auf, ihre Stimmen zur Rettung der Hagia Sophia vor ihrer neuerlichen Islamisierung zu erheben. Der am Ostkirchlichen Institut in Regensburg und Saloniki fortgebildete Karanovic ist nicht irgendein bosnischer Provinzbischof, sondern stand von 2014 bis 2017 der serbischen Diaspora in Deutschland vor.

Zustimmung in der gesamten, sonst augenblicklich zerspaltenen orthodoxen Kirchenfamilie wird auch der Beschluss des um die europäischen Auslandsmetropoliten erweiterten Konstantinopler Patriarchatssynods in Chambésy am Genfer See vom 23. bis 25. Juni finden, trotz Corona-Infektion an der herkömmlichen Spendung der Eucharistie unter beiden Gestalten aus demselben Kelch und mit einem Löffel festzuhalten. Jedoch sei es entsprechend den Umständen statthaft, „Einweglöffel“ zu verwenden. Das griechische Diaspora-Erzbistum in den USA hat diese Konzession an das Corona-Virus sofort begrüßt.

Weitere Beschlüsse des Synods administrativer Natur betrafen u.a. die Bestellung des Berliner Archimandriten Emmanuil Sphiatkos zum Hilfsbischof für Metropolit Augustinos Lampardakis von Deutschland mit dem Titel eines Episkopos von Christoupolis (heute: Birgi) in Kleinasien. Damit wurde der orthodoxen Tradition entsprochen, betagten Bischöfen keine  Altersgrenze zu setzen, sondern Koadjutoren zur Seite zu stellen. Gleichzeitig nahm der Synod den neuen Erzbischof von Australien, Makarios Griniezakis, in Schutz gegen misswirtschaftliche Anschuldigungen durch Metropolit Nikandros Palyvos im westaustralischen Perth und den früheren Generalsekretär der Epistasia (Verwaltung) des Heiligen Berges Athos, Hieromonachos Damaskinos. Die griechische Diaspora in Australien war schon in der Vergangenheit für innerkirchliche Intrigen und Machtkämpfe bekannt.

 

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